Tattoo-Eklat bei Wagner-Festspielen Holländers Hakenkreuz

Woanders hätte die "Jugendsünde" des Musikers wohl nur Stirnrunzeln hervorgerufen, doch für Bayreuth war Sänger Evgeny Nikitin wegen seiner Tattoos mit Nazi-Symbolik untragbar. Der Fall trifft die Festspiel-Tradition an ihrer empfindlichsten Stelle - und zeigt, wie dünn die Decke der Aussöhnung mit der dunklen Vergangenheit ist.

Ein Kommentar von Wolfgang Schreiber

Böse Vergangenheiten sind selten vergangen. Aber es war ruhig geblieben in Bayreuth, für einen Skandal auf dem Grünen Hügel schien es schon zu spät zu sein, vier Tage vor der Eröffnungspremiere des "Fliegenden Holländers". Die Stammgäste aus Politik, Wirtschaft und Kultur konnten beruhigt sein.

Der Sänger Evgeny Nikitin musste seinen Bayreuth-Auftritt absagen.

(Foto: dpa)

Jetzt ist er da, der Eklat: Die deutsche Schreckensvergangenheit hat die Richard-Wagner-Festspiele eingeholt. Evgeny Nikitin, Sänger der Titelrolle, hat nach wochenlanger Probenzeit seine Auftritte hastig abgesagt. Grund ist die Tätowierung, die sich der russische Bassbariton vor Jahren als Mitglied einer Metal-Band in die Haut ritzen ließ und die in Bayreuth für mehr als nur Verstörung sorgen muss: das Hakenkreuz. Es ist inzwischen überstochen worden, aber da finden sich auf dem Oberkörper des Sängers auch noch Runen, die von den Nazis verwendet worden sind.

Es sei "viel 'Hitler' in Wagner", hat Thomas Mann vier Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg resümiert. Viel Hitler war vor 1945 innerhalb dieser Festspiele und des Familien-Clans der Wagner gewesen. Der Neustart 1951 stand unter dem allzu begütigenden Motto: "Hier gilt's der Kunst". Aber Wagners Holländer-Dämon, der ewige Jude Ahasver, der Verfluchte, singt noch heute sein Schicksalslied: "Wann dröhnt er, der Vernichtungs-Schlag, mit dem die Welt zusammenkracht?"

Der an den Opernhäusern der Welt aufgestiegene Sänger Nikitin des Sankt Petersburger Mariinskij-Theaters sollte bei seinem Bayreuth-Debüt den nach Erlösung barmenden Seefahrer der Meere darstellen.

Aber er hätte zugleich, da man nun davon erfahren hat, mit seinem Haut-Tattoo des Hakenkreuzes den Antisemitismus in Deutschland symbolisch vor Augen geführt, jenen Judenhass, dem schon Richard und Cosima Wagner verfallen waren. Solch fatale Projektion muss am Originalschauplatz der Wagner-Geschichte als makaber, als unerträglich erscheinen.

Der Fall Nikitin trifft die ästhetisch ruhmreiche wie historisch zwiespältige Bayreuth-Tradition an ihrer empfindlichsten Stelle. Er zeigt erschreckend auf, wie dünn und rissig dort noch immer die Decke der Aussöhnung mit und über dem Abgrund des 20. Jahrhunderts ist, einer Aussöhnung, die mit den ersten Nachkriegs-Festspielen der Wagner-Enkel Wieland und Wolfgang so hoffnungsfroh begann und bis heute als offener Prozess der kollektiven Erinnerung schwelt.

Die "Jugendsünde" eines Rock-Musikers, wie das der Sänger bedauernd nennt, hätte andernorts vielleicht nur Stirnrunzeln hervorgerufen, in Bayreuth jedoch wirkt sie wenige Tage vor Beginn der brisant historisch konnotierten Festspiele als eine Katastrophe - in Hinblick auf die Aufarbeitung der antisemitischen, der nationalsozialistischen Vergangenheit Bayreuths. Die Festspielleiterin Katharina Wagner hatte bei ihrem Amtsantritt glaubhaft beteuert, endlich alle Giftschränke des Festspielhauses den Historikern öffnen zu wollen. Ein Anfang wurde gemacht.

Eine gerade eröffnete Ausstellung auf dem Grünen Hügel und im Neuen Rathaus Bayreuth erforscht die rassistische Künstlerpolitik der Festspiele zwischen 1876 und 1945. Am wichtigsten für beide Wagner-Urenkelinnen Katharina und Eva, die den Sänger Nikitin jetzt unverzüglich befragten, ist ihre aktuelle Beteuerung: "Seine Entscheidung, die Partie des Holländers zurückzugeben, steht im Einklang mit der konsequent ablehnenden Haltung der Festspielleitung gegenüber jeder Form nationalsozialistischen Gedankenguts."

Wenn eine Bayreuther Vergangenheit wirklich verflossen ist, dann jene "deutsche Mischung aus Barbarismus und Raffinement, mit der ja auch Bismarck Europa unterworfen hat", meinte Thomas Mann. Die Kanzlerin kann getrost kommen.