bedeckt München 15°

SZ-Serie: Familientreffen, Folge 4:Augsburgs Markenkern

Alexander Fugger-Babenhausen hat berühmte Vorfahren. Seine Familie prägte die Stadt wie keine zweite. Um die Verwaltung von Liegenschaften, Kulturgütern und der weltbekannten Fuggerei kümmert er sich nun in 19. Generation. Das hat es in sich

Gleich am Eingang links im Museum der Puppenkiste steht ein Schiff, ein altes Segelschiff, so eines, mit dem die Fugger früher Handel trieben über Kontinente hinweg. Alexander Fugger-Babenhausen weiß dazu eine Geschichte, vor den Niederlanden ist erst im April ein Segelschiff am Meeresgrund geortet worden. An Bord: Kupfer, einstige Handelsware der Familie. Etwas weiter hinten hängt ein Porträt seines Vorfahren Anton Fuggers, in einer Vitrine steht die Puppe, die Jakob Fugger darstellt, wohl der bekannteste Ahnherr der Familie. Fugger-Babenhausen weiß zu jeder Station eine Geschichte: Wo heute noch das Familienwappen in Venedig verewigt ist, wie durch den Handel mit Indien ein kleiner Ort in Goa bis heute katholisch geprägt ist. "Wenn Familiengeschichten bis heute wirken, macht das natürlich doppelt Spaß", sagt der Nachfahre der berühmten Handelsleute. So etwas wie die Sonderausstellung im Museum der Puppenkiste, das bis September die Handelswege der Fugger darstellt - an so etwas hat er Freude.

Alexander Erbgraf Fugger-Babenhausen, so lautet der korrekte Titel des 37-Jährigen, ist ein Fugger in 19. Generation. Er verwaltet die Liegenschaften, Unternehmen und das Vermögen der Familie, besser gesagt: seines Familienzweiges. Die Fugger, also die Nachfahren der berühmten Handelsdynastie, teilen sich heute in drei Linien: Fugger-Babenhausen, Fugger-Kirchberg und Fugger von Glött. Jeder Familienzweig hat seine eigenen Geschäfte, aber alle zusammen sind noch immer verantwortlich für die Fuggerschen Stiftungen, die unter anderem die berühmte Fuggerei unterhalten - jene älteste Sozialsiedlung der Welt, in der bis heute schuldlos verarmte Menschen für 88 Cent Kaltmiete pro Jahr wohnen dürfen. Überhaupt gibt es den Fugger-Express der Bahn, die Fuggerprivatbank, die Fuggerhäuser, Statuen, Kirchen. Wer durch Augsburg und Umgebung wandert, entkommt den Fuggern nicht. Die Familie drängt sich trotzdem nicht in den Vordergrund, in den Medien ist sie eher selten präsent. "Das ist sehr sympathisch", sagt zum Beispiel Augsburgs Oberbürgermeister Kurt Gribl.

Alexander Fürst Fugger Babenhausen

Alexander Fugger-Babenhausen sitzt im Seniorat der Fuggerschen Stiftungen. Die Nachfahren der berühmten Fugger verwalten unter anderem die Fuggerei.

(Foto: Stefan Puchner)

Angegrautes, welliges Haar, dunkle, braune Augen. Ob die Nase Ähnlichkeit mit den Gemälden und Statuen der Vorfahren aufweist, damit habe er sich noch nicht beschäftigt, sagt Alexander Fugger-Babenhausen. Wie er so vor der Puppenkiste steht, das Sakko über den Arm gelegt, könnte er gut aus Italien stammen, tatsächlich ist er in Augsburg aufgewachsen und zur Schule gegangen. Er hat in Königsbrunn Eishockey gespielt und ist in Neusäß aufs Gymnasium gegangen, bevor er auf ein Internat in die USA wechselte und dort dann auch studierte. In die Historie seiner Familie ist er reingewachsen, der Vater hat mal was erzählt, ein Onkel kennt sich besonders gut aus. "Als die Familiengeschichte dann auch in der Schule dran kam, habe ich gemerkt: Das interessiert ja nicht nur uns, sondern auch andere", erinnert sich Fugger-Babenhausen.

Seine Klasse hat er auf Bitten der Lehrerin einmal durch die Fuggerei geführt, das könnte er heute noch gut. "Ich bin kein Historiker, aber Geschichte interessiert mich, klar", sagt er. Er könnte auch sofort als einer der Stadtführer anfangen, die im Jakob-Fugger-Kostüm herumlaufen und erzählen, wie der sagenhafte Reichtum der Familie entstand. Fugger-Babenhausen beantwortet so eine Frage in Kurzform: Durch den Handel entstand so etwas wie ein Umlaufvermögen, so konnte Jakob Kredite vergeben, er erhielt dafür Sicherheiten vom Adel und vom Klerus, Schürf- und Abbaurechte. Durch das Kapital investierte er in Technologien, der Abbau von Silber, Kupfer, oder auch Quecksilber wurde einträglicher, die Geschäfte verteilten sich auf immer mehr Länder und Kontinente.

Sippen, Sitten, Soziotope - wie Familien heute leben, SZ-Serie.

Jakob Fugger hieß nicht umsonst mit Beinamen der Reiche, er gilt bis heute als einer der vermögendsten Männer, die je gelebt haben. Dabei war sein Neffe Anton, den er adoptierte, um ihm die Geschäfte zu übertragen, sogar noch erfolgreicher. Anton war es, der auf dem Zenit des Unternehmens Betriebszweige kontrolliert abstieß und in Liegenschaften investierte. Jakob hatte den Kaisern seiner Zeit viel Geld gegeben, die Abhängigkeit, das Risiko wurde zu groß. Die Liegenschaften, Immobilien und Wälder sind Werte, die teils bis heute blieben. "Er ist ein faszinierender Unternehmer, das waren sehr weitsichtige Entscheidungen", sagt Fugger-Babenhausen, seine Linie stammt von Anton ab. Entscheidungen, von denen die Familie noch heute profitiert.

Fugger-Babenhausen lebt auf Schloss Wellenburg vor den Toren Augsburgs, das unternehmerische Geschick seiner Vorfahren kann er ganz gut bewerten. Nachdem er sein Studium in Harvard beendet hatte, arbeitete er in London, bevor ihn vor elf Jahren mit 27 der Ruf seines Vaters ereilte: Alexander sollte nun die Geschäfte führen, die Liegenschaften verwalten, die Kulturgüter pflegen - und von 2014 an auch im Seniorat mit den Vertretern der anderen Familienzweige über die Stiftung wachen. Es kann auch eine Last sein, ein solches Erbe weiterzuführen. Keiner will am Ende der sein, der es vermasselt. "Das ist schon etwas anderes als bei einem Unternehmer in erster Generation", sagt der 37-Jährige. Die Gleichung Fugger gleich Reichtum gleich keine Sorgen gehe nicht auf. "So einfach ist es nicht, die Aufgaben hier haben es schon in sich".

Seniorat

Maria Theresia Fugger von Glött ist auch eine Nachfahrin der berühmten Fugger.

(Foto: Oliver Soulas / Fuggersche Stiftungen)

Bei einem Rundgang durch die Fuggerhäuser in Augsburg kann Fugger-Babenhausen gut zeigen, was er meint: Der Stadtpalast an der Maximilianstraße wurde nach italienischem Vorbild errichtet und war der erste Profanbau im Stil der Spätrenaissance nördlich der Alpen. Der Damenhof ist neu hergerichtet, alles hier atmet Italien, das Becken in der Mitte, der Mosaikboden, die umlaufenden Arkaden. Der Damenhof ist nun eine Bar mit einem Flair, wie es in München schwer zu finden ist. Etwas abgelegener in den Fuggerhäusern liegen die Badstuben, die von der Familie renoviert wurden: Fugger-Babenhausen zeigt auf die Fresken an den Wänden, die sehr empfindlich sind. Bei so einem Projekt gehe es nicht darum, Rendite zu machen, sagt er, sondern Kulturgüter zu erhalten. "Wenn man hier steht, weiß man, wofür man das tut."

Die Forstwirtschaft ist ein Hauptgeschäftszweig der Familie. Alexander Fugger-Babenhausen investiert aber auch in andere Geschäfte, über Direktbeteiligungen in den deutschen Mittelstand etwa. Diversifizierung, das wusste auch Ahnherr Anton schon, ist das Zauberwort - nicht nur im Wald, wo es schon lange weg von der Fichte geht. Bei den Fuggerschen Stiftungen wird auch diversifiziert, der Tourismus nimmt an Bedeutung zu. Im Grunde ist es so: Wenn es regnet, ist es gut für den Wald, im Besitz der Stiftungen sind 3200 Hektar, die bewirtschaftet werden. Der Erlös kommt den Projekten zugute. Wenn die Sonne scheint, ist das gut für die Einnahmen durch den Tourismus, etwa durch Eintrittsgelder der Fuggerei.

Seniorat

Maria Elisabeth Thun-Fugger sitzt ebenso im Seniorat der Fuggerschen Stiftungen.

(Foto: Oliver Soulas / Fuggersche Stiftungen)

Es gibt einige Anekdoten aus der Familienhistorie, die der Öffentlichkeit nicht so bekannt sind. Es sind die, die Alexander Fugger-Babenhausen gerne erzählt. Die von seiner Großmutter etwa, einer Schwedin, die in Babenhausen am Ortsrand irische Flaggen verteilte, als die Alliierten kamen, und so vielleicht größere Zerstörungen vermied. Die faszinierendste Geschichte aber, sagt Fugger-Babenhausen, nun im Biergarten der Fuggerei angekommen, sei immer noch die Sozialsiedlung selbst. "Die Fuggerei besteht seit 500 Jahren, und wir werden auch weiter alles tun, um sie zu erhalten, mit Leben zu füllen und sozial zu wirken." Frühere Generationen hätten die Siedlung ja leicht auflösen können. Aber nie ist ein Fugger auf die Idee gekommen, die Fuggerei zu Geld zu machen. "Das ist schon eine Leistung", sagt Fugger-Babenhausen.

Die Sozialsiedlung in Betrieb zu halten, die Kulturgüter in Schuss zu halten heißt auch, den Namen Fugger vor allem in und um Augsburg herum präsent zu halten. "Wir sind nicht die Brechtstadt oder die Universitätsstadt", sagt Oberbürgermeister Kurt Gribl, "wenn Augsburg irgendwo genannt wird, dann sind wir die Fuggerstädter." Die Familie Fugger also ist immer noch der Markenkern ihrer Heimatstadt - auch 500 Jahre nach ihrem Aufstieg.