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Surfen in Bayern: "Die Szene explodiert"

Dieser Surfspot in Salzburg kommt gut an.

(Foto: Matthias Köpf)

Im Freistaat hat sich eine Surf-Szene etabliert, die nun auch von der Politik ernst genommen wird. Und 2020 ist das Jahr, in dem Surfen erstmals olympisch wird.

Wo in der Gegend gerade eine Welle läuft, findet Benjamin Di-Qual mit ein paar Fingertippern heraus. Ein Griff zum Smartphone, ein Blick in die Wetter-App und einer auf die amtlichen Pegelstände. "Da weiß ich genau, wenn der Wasserstand über 2,50 Meter ist, dann fahr ich da und da hin und kann surfen", sagt Di-Qual. Das funktioniert aber nur, weil er die "Secret Spots" kennt, die Stellen an der oberen Salzach oder im Salzkammergut bei Bad Ischl oder in Ebensee, die von den "Locals" aus der jeweiligen örtlichen Szene lieber nicht an die große Glocke gehängt werden. Dass all die Spots im benachbarten Österreich liegen, ist für den 34-jährigen Fridolfinger und seine Freunde nicht das Problem. Eher schon, dass sie immer fahren müssen, wenn wo eine Welle läuft. Also sollen stehende Wellen her, ortsfest, planungssicher, regulierbar. In Traunstein zum Beispiel und in Bad Reichenhall, in Wolfratshausen, in Gräfelfing, in Passau, in Nürnberg und an einigen anderen Orten. Wellen wie diese hier am Almkanal.

An einem gewittrigen Sommernachmittag haben etwa ein Dutzend Surfer ihre Bretter ausgepackt. Alle tragen Neopren, denn das aus der Berchtesgadener Ache ausgeleitete Wasser ist kalt. Die meisten sind mittleren Alters, einige haben ihre Kinder dabei. Die meisten Studenten sind gerade in den Ferien. Weitab vom Zentrum hat die Stadt Salzburg hier vor einigen Jahren an einem alten Wehr eine Surfwelle eingerichtet, das Gefälle war da, notwendig waren nur eine seitliche Treppe als Ausstieg und im Wasser zwei Klappen, die sich mit einer einfachen Handkurbel etwas rauf oder runter drehen lassen. Neigung, Länge und Wassermenge müssen im richtigen Verhältnis stehen. Hydrologisch muss das Wasser erst strömen, dann schießen, dann wieder strömen, damit eine gleichmäßige "grüne Welle" entsteht. Wird sie weiß, ist sie zum Surfen zu turbulent. So erklärt es Benjamin Di-Qual, der während seines Bauingenieur-Studiums in Deggendorf auch viel über Wasserbau gehört und außerdem auf einer Sohlschwelle der Isar bei Plattling zum Flusssurfen gefunden hat.

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Inzwischen darf er sich wohl in ganz Bayern als Local betrachten, obwohl er vor lauter Arbeit und Familie selber nur noch zwei oder drei Mal im Monat zum Surfen kommt. Denn Di-Qual ist oft mit dabei, wenn irgendwo eine künstliche Welle entstehen soll. 2013 hat er unter dem Dach der "Bayerischen Ingenieure-Kammer Bau" das erste "Forum Flusswellen" organisiert, zwei weitere folgten. Seither haben die Flusssurfer Oberwasser, die Einzelkämpfer tauschten sich aus, die Szene vernetzte sich in den sozialen Medien. Die Selbstdarstellung in Fotos und Videos ist in der Regel mindestens semiprofessionell, denn da sind die Ansprüche hoch.

Das zeigt sich zum Beispiel am Abend in der "Surf Film Night" im Trostberger Stadtkino. Surfer aus dem ganzen Südosten Oberbayerns sind gekommen, gerne im freizeitfreudigen VW-Bus, mit meistens nicht ganz kurzen Haaren und bei den Männern jedenfalls nicht glatt rasiert. Auch Arthur Pauli gab an dem Abend seinen Nachfolgern die Ehre. Er hat sich Mitte der Sechzigerjahre hier in Trostberg von Älteren das Wellenreiten am Seil und auf einfachen Brettern abgeschaut und begonnen, selbst die ersten eigenen Surfbretter zu bauen. Später haben er und seine Freunde beim Surfen an der Flosslände bemerkt, dass das Seil durchhängt. Von da an ging es auch ohne. Vor allem der Eisbach wurde zum Spot schlechthin für die Flusssurfer.

2020 ist das Jahr, in dem Surfen erstmals olympisch wird

Die sind "von Haus aus eigentlich keine Vereinsmeier", sagt Benjamin Di-Qual, aber wer bei Gemeinden und Behörden etwas will, der braucht eben eine Struktur. Hannes Weininger, ein drahtiger 58-Jähriger mit ziemlich grauem Pferdeschwanz, ist Vorsitzender der Traunsteiner Initiative. Im Zusammenhang mit der geplanten Landesgartenschau 2022 gab es in Traunstein große Pläne für einen eigenen Surf-Kanal samt Beachvolleyballplatz und allem drum und dran. Doch die Bürger stimmten gegen die Gartenschau, und den Offiziellen und deren Steuerberatern beim Sportbund Chiemgau Traunstein kamen auch Bedenken. Also gründeten Anfang des Jahres 36 Menschen einen eigenen Verein namens "Chiemgau Welle". Inzwischen sind es 150 Mitglieder, die Stadt hat ihre übliche Sportstätten-Förderung von zehn Prozent zugesagt und die Behörden sind wohlwollend, die Betreiber der vier oberhalb gelegenen kleinen Kraftwerke haben sich überzeugen lassen. Zur routinemäßigen Bachabkehr im Herbst kommenden Jahres oder spätestens 2020 könnte gebaut werden, sagt Hannes Weininger.

2020 ist das Jahr, in dem Surfen erstmals olympisch wird. Auch das habe dem Flusssurfen einen richtigen Schub gegeben, sagt Benjamin Di-Qual. Plötzlich ist auch das Flusssurfen für Sponsoren interessant, es gibt eine Wettbewerbsserie, feste Verbandsstrukturen, Sportförderung. "Die Szene explodiert." Wie groß sie genau ist, lasse sich kaum sagen, siehe Vereinsmeierei. Doch noch fehlen die Wellen.

Vergleichsweise weit gediehen ist das Projekt in einem Kraftwerksauslauf an der Loisach in Wolfratshausen. Der Verein "Surfing Wolfratshausen" kann mit einer EU-Förderung von 170 000 Euro rechnen, sodass mit den in Aussicht gestellten 100 000 Euro von der Stadt der größte Teil der geschätzten 320 000 Euro bezahlt wäre. In Nürnberg ist die "Dauerwelle" an der Pegnitz schon grundsätzlich genehmigt, allerdings haben einige Auflagen wie der Einbau einer Fischtreppe das Projekt von einer halben Million auf aktuell wohl 900 000 Euro verteuert. Noch als Finanzminister hatte Markus Söder 250 000 Euro vom Freistaat versprochen. Wenig voran geht dagegen in Bad Reichenhall, wo im Unterwasserkanal eines Kraftwerks in die Saalach die mächtigste künstlich erzeugte Surfwelle Europas entstehen soll. Doch die Deutsche Bahn als Kraftwerksbetreiberin ist keine einfache Partnerin, zumal sie inzwischen prüft, ob sie das Gefälle doch selbst für ein zusätzliches kleines Kraftwerk nutzen soll.

Wem hoher Stromverbrauch nichts ausmacht, der kann auch ganz ohne Fluss und Gefälle, aber gegen Gebühr auf einigen kommerziellen, mit starken Pumpen betriebenen Anlagen wellenreiten. Für ihn wäre das nichts, sagt Benjamin Di-Qual. Aber eines ist für ihn bei aller Begeisterung fürs Flusssurfen auch klar: "Das ist nur das Methadon fürs Surfen im Meer."

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