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Schweinfurter Abi-Desaster:"Meine Zukunft ist ein einziges Chaos"

Abitur

Nach dem Abi-Desaster in Schweinfurt ist die Zukunft der Schüler ungewiss.

(Foto: dpa)

In Schweinfurt ist der komplette Jahrgang einer Privatschule durch das Abitur gefallen. Die betroffenen Eltern und Schüler sind verzweifelt: Nicht nur das teure Schulgeld haben sie umsonst bezahlt, auch der Einstieg ins Berufsleben wird sich verzögern. Nun droht das Kultusministerium dem Institut mit Konsequenzen.

Bei der Schweinfurter Rechtsanwältin Patricia Fuchs-Politzki treffen jeden Tag neue Vollmachten ein. Mittlerweile vertritt die Juristin etwa 20 Schülerinnen und Schüler der Ersten Privaten Fachoberschule Schweinfurt (EPFOS). An der 2011 gegründeten Schule sind dieses Jahr alle 27 Abiturienten durch das schriftliche Fachabitur gefallen. "Es kann nicht an den Schülern liegen, wenn ein ganzer Jahrgang geschlossen die Prüfungen nicht besteht", sagt Fuchs-Politzki.

"Wir saßen in der Prüfung und mussten feststellen, dass wir von etwa einem Viertel der Themen noch nie etwas gehört hatten", sagt Laura Eichhorn, eine der betroffenen Schülerinnen. Sie wollte eigentlich mit dem Fachabitur in der Tasche für ein Jahr nach Spanien fliegen, um dort in einem Hotel zu arbeiten und danach an einer staatlichen FOS das allgemeine Abitur machen. Sie fliegt trotzdem, aber "meine Zukunft ist ein einziges Chaos", sagt sie. Die Vorbereitung auf die Prüfungen sei "unglaublich schlecht" gewesen.

Die EPFOS darf selbst keine Prüfungen abnehmen

Im Unterricht seien beispielsweise keine Abituraufgaben aus den Vorjahren bearbeitet worden, wie es an anderen Schulen üblich sei. Eine Woche vor den Prüfungen hätten die Schüler noch einen Stapel Arbeitsblätter bekommen, mit dem Hinweis, das sei übrigens auch noch Abiturstoff. Außerdem sei die ganze Zeit viel Unterricht ausgefallen, etwa weil Lehrer des Abi-Jahrgangs mit anderen Klassen ins Skilager gefahren sind.

"Der Lebenslauf meiner Tochter ist ruiniert", sagt Sandra Eichhorn, ihre Mutter. Sie habe ihre Tochter auf die Privat-FOS geschickt, weil ihr dort eine bessere Vorbereitung als an den staatlichen Fachoberschulen versprochen worden sei. Die EPFOS habe sie mit dem Versprechen kleiner Klassen und intensiver Vorbereitung aufs Abitur zum Beispiel mit Zusatzkursen am Nachmittag "angelockt". Es habe auch Zusatzkurse gegeben, allerdings habe der Lehrer am Nachmittag oft etwas anderes erzählt als der Lehrer am Vormittag.

Die Schüler der EPFOS durften ihr Abitur nicht an ihrer eigenen Schule schreiben, sondern wurden als so genannte Externe an einer staatlichen FOS geprüft. Die EPFOS ist nämlich lediglich staatlich genehmigt, das heißt, sie darf selbst keine Prüfungen abnehmen. Das dürfen nur staatlich anerkannte Privatschulen. Die staatliche Anerkennung können Privatschulen beantragen, wenn sie mehrere Jahre hintereinander bewiesen haben, dass sie ihre Schüler erfolgreich auf die Abschlussprüfungen vorbereiten.

Das Kultusministerium will die EPFOS jetzt "schulaufsichtlich prüfen". Der zuständige Ministerialbeauftragte werde untersuchen, wie die Schüler auf das Abitur vorbereitet wurden und mit Schülern, Eltern und Lehrern sprechen. Je nachdem wie diese Prüfung ausfalle, könne der EPFOS sogar die Genehmigung aberkannt werden, heißt es aus dem Kultusministerium. Das Ganze sei eine "mehr als ärgerliche Geschichte". Immerhin hätten nicht nur die Eltern, sondern auch der Staat Geld investiert.

Kein Schüler will die zwölfte Klasse an der EPFOS wiederholen

Michael Schwarz, Inhaber und Geschäftsführer der EPFOS wollte am Montag nichts zum katastrophalen Abschneiden seines ersten Abiturjahrgangs sagen. Eltern und Schüler werfen ihm neben der schlechten Prüfungsvorbereitung auch vor, sie erst kurz vor den Herbstferien darüber informiert zu haben, dass die Noten aus den Klausuren anders als an staatlichen Fachoberschulen nicht zur Abiturnote dazuzählen. Nach Angaben aus dem Kultusministerium gab es "zwei Sitzungen, in denen Lehrkräfte der EPFOS vom Ministerialbeauftragten über die Prüfungsbedingungen informiert wurden" und zwar am 29. Juli und am 25. September 2012.

Anwältin Fuchs-Politzki geht es zunächst darum, die Schüler anderswo unterzubringen und zu erreichen, "dass sie nicht auf Dauer einen roten Balken in ihrem Lebenslauf haben". Die EPFOS habe allen angeboten, die zwölfte Klasse zu wiederholen, doch dieses Angebot will niemand annehmen. Die meisten würden am liebsten in die zwölfte Klasse einer staatlichen Fachoberschule zum Beispiel in Schweinfurt, Würzburg, Coburg oder Bamberg wechseln.

Um aufgenommen zu werden, müssen sie aber eine "Feststellungsprüfung" bestehen, in der abgefragt wird, ob die Schüler wenigstens den Stoff der elften Klasse beherrschen. Die staatlichen Fachoberschulen in der Umgebung seien aufgefordert worden, die gescheiterten Absolventen der EPFOS "kulant" zu behandeln, heißt es aus dem Kultusministerium.

Wenn die Jugendlichen untergekommen sind, will die Anwältin prüfen, ob die Schule den Familien Schadensersatz zahlen muss. Dabei geht es nicht nur um die 140 Euro pro Monat, die der Besuch der Privatschule kostet. Es geht auch darum, dass die Schüler mindestens ein Jahr später ins Berufsleben einsteigen werden.

© SZ vom 02.07.2013/wib

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