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Rosenheim:Neben der Spur

Brenner Basistunnel

Wenn der Brenner-Basistunnel 2026 fertig ist, liegt auf deutscher Seite noch kein Gleis. In Österreich nimmt der Güterverkehr auf der Schiene zu.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Bei Rosenheim sollen die Gleise vom Brenner nach Norden verlaufen. Nur nicht bei uns, fordern nun zwei Bürgermeister

Im Osten der oberbayerischen Stadt Rosenheim gehen die Bürgermeister zweier Gemeinden gegen die Trassenüberlegungen der Deutschen Bahn auf die Barrikaden und rufen ihre Bürger zum Widerstand gegen alle weiteren Planungen auf. Das Unternehmen sucht in der Region schon seit längerer Zeit nach einem neuen Gleiskorridor für den transalpinen Güterverkehr vom Brenner durch das Inntal weiter nach Norden - bisher in großem Einvernehmen mit den womöglich betroffenen Gemeinden. Doch seit die ersten Linien auf einer Karte zu sehen sind, stellen sich die Rathäuser von Stephanskirchen und Rohrdorf plötzlich quer.

Der Inn selbst ist im Südosten Bayerns schon seit langer Zeit in ein starres Korsett gezwängt. Das Tal von Kufstein und Kiefersfelden bis Brannenburg ist eng, die bunt eingefärbten Korridore für die beiden zusätzlichen Gleise bleiben entsprechend nahe am Inn. Im Vergleich dazu mäandern die möglichen Gleiskorridore weiter nördlich wie ein naturbelassenes Flusssystem durch die Landschaft, die Stadt Rosenheim und ihre Nachbarorte wirken auf der Karte der Bahn fast wie Kiesbänke. Was die Planer dort eingetragen haben, sind noch nicht einmal mögliche Trassen, sondern nur Flächen, auf denen neue Gleise nicht von vorneherein vollkommen ausgeschlossen zu sein scheinen. Die Bürgermeister östlich von Rosenheim geben sich nun überrascht und entsetzt, dass es solche Flächen auch in ihren Gemeinden geben soll. Denn sie sahen sich von den Überlegungen bisher schlicht nicht betroffen.

Dabei tingeln die Abgesandten der Bahn schon seit fast zwei Jahren durch die Rathäuser der Region, um ihr Planungsverfahren zu erläutern. Dieses setzt auf eine enge Zusammenarbeit mit Kommunen, Verbänden und Bürgern. Es gibt Dialogkreise, Regionaltreffen, Gemeindeforen und Projektbeiräte, in denen zuerst gemeinsam die Kriterien für die Auswahl festgelegt und danach mögliche Trassen bewertet werden. Die DB hat das Verfahren aus Österreich übernommen, wo es längst fertige Neubaustrecken oder zumindest fixe Trassen gibt. In Deutschland dagegen wird trotz jahrzehntelanger Überlegungen noch kein Meter Gleis gebaut sein, wenn 2026 der Brenner-Basistunnel in Betrieb geht und die Österreicher den wachsenden Güterverkehr mit Nachdruck auf die Schiene zwingen.

Das Inntal ab Kufstein haben DB und ÖBB als "gemeinsamen Planungsraum" definiert, denn auf etwa 15 Kilometern bildet dort der Inn die Grenze, die neuen Gleise könnten auf beiden Seiten gebaut werden. Auf der westlichen, bayerischen Seite verlaufen bereits die beiden bestehenden Gleise, die A 93, die Erdölpipeline von Triest nach Ingolstadt und eine Gaspipeline. Gemeinden wie Kiefersfelden, Flintsbach oder Brannenburg versprechen sich von den zusätzlichen Gleisen eine Entlastung ihrer Bürger, die schon seit Jahrzehnten direkt an der jetzigen Trasse leben. Sie haben sich am Planungsverfahren schon seit Monaten aktiv beteiligt.

Die Bahnplaner hofften bis vor kurzem, die Trasse so bis zu einem fixen Verknüpfungspunkt mit der bestehenden Strecke irgendwo südlich von Rosenheim planen zu können und erst im Anschluss den weiteren Verlauf von dort Richtung Norden festzulegen. Inzwischen ist bei ihnen aber die Einsicht gereift, dass sich dieser Verknüpfungspunkt nicht einfach festlegen lässt, sondern seine Lage vom weiteren Verlauf der Trasse rund um Rosenheim abhängt. Soll die Neubaustrecke ab Kufstein westlich des Inns liegen, läge eine Schleife westlich um Rosenheim näher. Entstehen die Gleise östlich des Flusses, könnten plötzlich auch die Gemeinden in Rosenheims Osten von einer Güter- und Hochgeschwindigkeitstrasse betroffen sein, von der sie selbst kaum etwas haben werden, da keine neuen Bahnhöfe vorgesehen sind. Eine östliche Trasse entspräche auch der Idee der Bahn, den Raum Freilassing und Salzburg an den Güterkorridor nach Norden anzubinden, sowie dem per Staatsvertrag akzeptierten Wunsch der Österreicher nach einer schnelleren Verbindung zwischen Salzburg und Innsbruck

Trotz gegenteiliger Beteuerungen beginnen nun die Versuche, die Trasse nach dem Floriansprinzip auf die andere Seite zu schieben. Die westlichen Gemeinden sind der Meinung, nun könnte auch der Osten einen Teil des Last tragen, während man dort weiterhin verschont bleiben will. Die Bürgermeister von Stephanskirchen und Rohrdorf, Rainer Auer und Christian Praxl, beklagen nun, bisher zu wenig eingebunden gewesen zu sein - obwohl sie oder ihre Vertreter auf mehreren Foren anwesend waren oder zumindest hätten sein können, wie es hinter vorgehaltener Hand von der anderen Seite heißt. Landrat Wolfgang Berthaler sieht sich zwischen allen Stühlen und verweist auf die eigene Leidensfähigkeit: Er wohne schon Zeit seines Lebens nur 150 Meter von den Bestandsstrecke durchs Inntal entfernt.