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Regensburg:Spektakuläre Wende

Pressekonferenz zu Entwicklungen im Todesfall Maria Baumer

Ankläger im Mordfall Maria Baumer: Staatsanwalt Thomas Rauscher bei einer Pressekonferenz, als vergangenes Jahr neue Entwicklungen den Prozess begründeten.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Im Mordprozess Baumer geht es anders weiter als geplant

Von Johann Osel, Regensburg

Wie geht es weiter im Mordprozess Maria Baumer? Nach der spektakulären Wende vom Dienstag hat das Landgericht Regensburg am Mittwoch den weiteren Zeitplan mitgeteilt. Am Vortag hatte der Angeklagte - der Verlobte Christian F. - in einer über seinen Anwalt verlesenen Erklärung gestanden, die Leiche der jungen Frau 2012 im Wald vergraben zu haben. Jedoch habe er sie nicht, wie es ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft, "heimtückisch" mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln getötet. Sondern er habe seine Verlobte, die aus eigenem Antrieb von ihm besorgte Medikamente genommen habe, tot im Bett aufgefunden. Der Krankenpfleger wollte demnach nur vertuschen, dass er die Arzneien am Arbeitsplatz geklaut habe. Auch wenn Staatsanwalt Thomas Rauscher die Erklärung als "Märchenstunde" rügte, hat sie Auswirkungen auf das Verfahren. Denn F., der bisher geschwiegen hatte, kündigte an, fortan schriftlich Fragen zu beantworten und sich von der psychiatrischen Gutachterin "explorieren" zu lassen.

Kommenden Montag wird die Verhandlung fortgesetzt; einige Zeugen werden nicht mehr benötigt, wohl dürften bald die schriftlichen Fragen eine Rolle spielen. Für Ende September ist geplant, das psychiatrische Gutachten verlesen zu lassen. Dann ließe sich womöglich der Terminplan einhalten, der ein Urteil im Oktober vorsieht.

Die Gutachterin war zuletzt bereits im Regensburger Sitzungssaal anwesend. Ihre Aussage war früher angesetzt. Die Aussagebereitschaft des 35-Jährigen, sagte der Vorsitzende Richter Michael Hammer, erfordere aber mehr Zeit für die Erstellung der Expertise. Eine "Exploration nach Aktenlage" sei nicht mehr angebracht.

Der Fall Maria Baumer ist einer der kuriosesten Kriminalfälle in Bayern in der jüngeren Zeit: erst das ominöse Verschwinden der Vorsitzenden der Katholischen Landjugendbewegung um Pfingsten 2012, dann das Auffinden der Leiche im Folgejahr und die Anklage ihres Verlobten 2020. Motiv laut Staatsanwaltschaft: die Liebe zu einer anderen, seiner Patientin Valerie S. am Bezirksklinikum. Dieses Verhältnis dürfte beim Gutachten ebenso von Relevanz sein wie ein früheres Verfahren wegen sexueller Übergriffe. 2016 wurde F. bereits verurteilt: Zwischen 2003 und 2011 hatte er zwei Schüler des örtlichen Domspatzen-Gymnasiums mehrfach missbraucht und die Übergriffe teilweise gefilmt. Auch hat er eingeräumt, dass er Valerie S. Beruhigungsmittel einflößte. Dass er sie so sexuell gefügig machen wollte, war nicht nachzuweisen.

Beide Fälle kamen am Verhandlungstag, der von der Erklärung überlagert wurde, zur Sprache. Zunächst sagte U. aus, ehemaliges Opfer und heute 27 Jahre alt. Als er als Fünftklässler ins Internat kam, plagte ihn starkes Heimweh. In dem damaligen Abiturienten F. fand er einen Vertrauten, eine Art großen Bruder, ein Vorbild: "super verstanden", "ein offenes Ohr". Trotz baldigen Verlassens des Internats blieb enger Kontakt. Mehrmals kam es dann zu Hand- und Oralverkehr, oft im Schlaf, einmal habe er sich schlafend gestellt. Er habe es verdrängt. Die Missbräuche konnte U. im späteren Verfahren über die Filmaufnahmen rekonstruieren. Seine Aussage zeichnete von Christian F. das Bild eines Menschenfängers. Auch andere Zeugen beschrieben den Angeklagten so: stets freundlich, hilfsbereit, nahbar. Allerdings, wie der Fall U. zeigt, skrupellos in den Mitteln. Die Causa "World of Warcraft" machte dem Zeugen emotional am meisten zu schaffen. Bei der Chat-Funktion des Computerspiels hatte sich F. zwei fingierte Identitäten ungefähr gleichaltriger Mädchen zugelegt und war damit zusätzlich mit dem pubertierenden U. in Kontakt getreten. Es folgte ein intimer Austausch über Masturbation und dergleichen. Diese Fake-Identitäten bestätigte am Dienstag ein Computerfachmann.

Der Polizeibeamte referierte zudem zu Valerie S. und deren digitaler Kommunikation mit dem Angeklagten. Eine Auswertung der Frequenz ergibt, dass das Interesse der Frau an F. nach Baumers Verschwinden enorm nachließ. 2013 zählte man 534 Kontaktaufnahmen seitens F., 28 auf der Gegenseite. Auch hier wählte F. eine fingierte Identität, um sich S. zu nähern. Als "Matt" aus New York, angeblich ebenfalls Psychiatriepatient, schlich er sich in ihr Leben, gewann schnell Vertrauen, schrieb ihr rührige englische Gedichte - deren Zeilen sich S. sogar tätowieren lassen habe.

Laut der Erklärung vom Dienstag hat es sich bei der Beziehung zu S. um "Schwärmerei" gehandelt, vielleicht um "Testen des Marktwertes vor der Hochzeit". Auch die homosexuelle Neigung spiele keine Rolle, nach Baumers Tod habe F. Verhältnisse mit Frauen gehabt. Man sehe "kein belegtes Tatmotiv". Auf jeden Fall dürften diese Vorgeschichten für das psychiatrische Gutachten von Interesse sein.

© SZ vom 20.08.2020

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