Rechtsextreme in Bayern Wenn die eigenen Kinder den Holocaust leugnen

In Bayern soll es 700 gewaltbereite Neonazis geben. Immer im Visier der Rechtsextremen: die Jugend. Doch wie reagieren, wenn das eigene Kind am Esstisch krude Thesen vertritt? Ein Gespräch mit der Landeskoordinatorin im Jugendring über die Beratung von Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgerutscht sind.

Interview: Anna Fischhaber

Bei Problemen mit Alkohol oder Drogen gibt es zahlreiche Anlaufstellen. Doch was tun, wenn das Kind Neonazi ist? Wenn es rechte Bands hört und die Freunde immer unheimlicher werden? Wenn weder Zureden noch Verbote helfen? In Bayern beschäftigt sich die Landeskoordinierungsstelle gegen Rechtsextremismus im Bayerischen Jugendring mit der Szene: Unter anderem berät sie Bürgermeister, in deren Gemeinden es Probleme mit Neonazis gibt. Und Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgerutscht sind. Ein Gespräch mit Landeskoordinatorin Nicola Hieke.

"Es trägt ja heute kaum mehr jemand Bomberjacke und Springerstiefel. Einem Mottoshirt sieht man nicht sofort an, dass es mit der rechten Szene zu tun hat": Nicola Hieke berät Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgerutscht sind.

(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

sueddeutsche.de: Frau Hieke, wie schlimm steht es um die Jugendlichen, wenn Eltern zu Ihnen kommen?

Nicola Hieke: Häufig steckt der Sohn oder die Tochter schon tief in der rechten Szene. Mehrere Jahre. Es trägt ja heute kaum mehr jemand Bomberjacke und Springerstiefel. Und einem Mottoshirt, auf dem "Combat 18" steht, sieht man nicht sofort an, dass es mit der rechten Szene zu tun hat. Oder wenn die NPD Flyer gegen Genfood verteilt und eigentlich ganz andere Ziele verfolgt, da muss man schon genau hinschauen. Das tun einige Eltern nicht.

sueddeutsche.de: Warum nicht?

Hieke: Das ist natürlich auch immer mit Scham behaftet. Viele Eltern, die wir beraten, kommen aus der Mittelschicht. Und viele können mit rechtem Gedankentum nichts anfangen, sind völlig geschockt, dass ihr Kind in so einer Szene ist und kommen erst, wenn sie es zu Hause nicht mehr ignorieren können.

sueddeutsche.de: Was ist dann schon alles passiert?

Hieke: Die Nachbarn fragen, was los ist, oder aus dem Kinderzimmer tönt Musik mit rassistischen Texten. Unheimliche Freunde hängen im Wohnzimmer ab. Oder das eigene Kind spricht am Frühstückstisch plötzlich von Geschichtsfälschung und leugnet den Holocaust. Die zentrale Frage der Eltern ist dann immer: Was hab ich falsch gemacht? Aber oft haben sie nichts falsch gemacht.

sueddeutsche.de: Wieso rutschen Jugendliche in die rechte Szene ab?

Hieke: Um Politik geht es anfangs selten, eher um Anerkennung, um ein Gemeinschaftsgefühl. Es ist eine Szene, die nach sehr einfachen hierarchischen Prinzipien funktioniert. Man muss nicht der Ideologie folgen können, um mitzumachen. Oft gibt es einen Bruch in der Biographie oder Probleme mit anderen Jugendlichen und eine rechte Clique bietet Schutz. Besonders gefährlich ist das dort, wo es wenig Angebote für Jugendliche gibt und die Szene das ausnutzt. Die rechtsextreme "Heimattreue Deutsche Jugend", die inzwischen verboten ist, hat beispielsweise ständig Treffs und Zeltlager organisiert. Beliebt in der Szene ist auch, Jugendliche mit rechten Konzerten zu locken. Und es ist natürlich toll für einen 13-Jährigen, wenn er eine heimliche Einladung zu so einem Auftritt bekommt.

sueddeutsche.de: Aber wenn alles heimlich ist und man Codes und Kleidung nicht mehr erkennt - was können Eltern denn überhaupt machen?

Hieke: Das wichtigste ist, dass Eltern wissen, was ihre Kinder im Netz machen. Rechtsextremismus im Internet ist weitverbreitet, der Klamotten-Versandhandel, die Vernetzung der Freien Kameradschaften, das alles findet heute im Internet statt.

sueddeutsche.de: Ab wann wird es gefährlich für die Jugendlichen?

Hieke: In der rechtsextremen Szene besteht immer die Gefahr, dass Ausländer oder politische Gegner bedroht werden. Und wenn jemand verletzt wird, war das eigene Kind dabei - auch wenn es nur zugesehen hat. Niemand weiß, wie viele Leute im Umfeld der Zwickauer Zelle wirklich von den Morden wussten. Was da passiert ist, ist sicher nicht typisch für die rechtsextreme Szene in dem Sinne, dass alle in den Untergrund gehen und Leute abknallen. Aber die Gewaltbereitschaft, die ist typisch.

sueddeutsche.de: Ermittler schätzen, dass es in Bayern derzeit etwa 700 gewaltbereite Neonazis gibt. Wie hat sich die rechte Szene hier verändert?

Hieke: Sie hat sich professionalisiert. Vor allem die Freien Kameradschaften. Deshalb finde ich es ungünstig, wenn Politiker immer nur von einem NPD-Verbot reden. Ich halte es für sinnvoller, in Bayern auch ein Verbot des Kameradschaftsdachverbandes "Freies Netz Süd" zu prüfen. Die Gewaltbereitschaft innerhalb der Kameradschaftsszene ist sehr hoch. Der Rechtsterrorist Martin Wiese zum Beispiel hatte einen Sprengstoffanschlag auf das jüdische Gemeindezentrum geplant und ist nun wieder auf freiem Fuß. Er tritt seitdem sehr aggressiv im Umfeld von solchen Kameradschaften auf.