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Prozess gegen Bamberger Ex-Chefarzt:"Die Vernichtung von Dr. W. ist in vollem Gang"

Auftakt Prozess gegen ehemaligen Bamberger Chefarzt

Der angeklagte ehemalige Chefarzt (r.) wird von einem Polizisten zum Gerichtssaal im Oberlandesgericht in Bamberg geführt. Dem Mann wird vorgeworfen, sich unter dem Vorwand einer medizinischen Studie an jungen Frauen vergangen zu haben.

(Foto: dpa)
  • Vor dem Landgericht Bamberg hat der Prozess gegen einen Chefarzt des Klinikums Bamberg begonnen.
  • Der Venenspezialist soll 13 junge Frauen betäubt und anschließend missbraucht und zum Teil vergewaltigt haben.
  • Zu den Vorwürfen sagt der 49-Jährige, er habe "neue Untersuchungsmethoden" anzuwenden versucht.

Der Mann ist eine Koryphäe. Er berichtet von "spannenden Meetings in Mumbai", von Videoübertragungen aus Entebbe, von seiner Zusammenarbeit mit der Fraunhofergesellschaft bei der Übertragung von Operationen per Video und vergisst auch nicht zu erwähnen, dass er 2,3 Millionen Euro Fördergelder bekommen hat, für seine Forschung. Sogar auf der Cebit hat er seine Projekte vorgestellt und 90 Operationen per Video gezeigt.

Ein absoluter Experte also, ausgezeichnet als einer von neun deutschen Venenspezialisten als "Leading Expert", unter 2900 in Deutschland. Einer, der nie ruht, nie rastet, immer ist er im Dienst des Patienten. Kann so einer fehlen? Ist nicht alles, was er tut, wissenschaftlich begründet, medizinisch angezeigt? Nein, sagt Staatsanwalt Bernhard Liebs.

Doktor Heinz W., 49, hat nach seiner Überzeugung insgesamt 13 junge Frauen missbraucht und zum Teil vergewaltigt. Er habe Untersuchungen vorgetäuscht, die Frauen dann betäubt und ihnen Sexspielzeug eingeführt. Davon habe er auch noch zahlreiche Bilder gemacht, die auf seinem Computer gefunden wurden, ohne dass die Frauen das wussten und erlaubt hatten. "Der Angeklagte wollte sich ausschließlich sexuell erregen", erklärt der Staatsanwalt in seiner Anklage. "Der Angeklagte hat die Taten unter Missbrauch seines Berufes als Arzt und unter Ausnutzung des Vertrauens der Frauen begangen, weshalb die Anordnung eines Berufsverbots unerlässlich ist."

Betäubt und missbraucht

Am Dienstag hat der Prozess gegen den Arzt begonnen. Es ist ein tiefer Fall. Bis zum August 2014 war Heinz W. honoriges Mitglied der Bamberger Bürgerschaft, verheiratet mit einer Ärztin, Vater von zwei kleinen Kindern, ehrengeachtet, die Familie in der katholischen Kirche engagiert. Nun muss sich dieser Mann anhören, was ihm der Staatsanwalt in immer wiederkehrenden Einzelheiten vorwirft. Wie er seine Patientinnen, die zum Teil nach Operationen noch im Rollstuhl saßen, in seine Ambulanz holte, ihnen ein Medikament spritzte, das sie willenlos machte und ihre Erinnerung ausschaltete, und sich dann in immer gleicher Weise an ihnen verging.

Eine der jungen Frauen hat er sogar fünfmal zu sich bestellt, 2008, 2009, 2011. Sie war dreimal so sehr betäubt, dass sie erst am Tag danach wieder zu sich kam. Die junge Frau sitzt im Gerichtssaal, still, sehr aufmerksam, sie schaut Heinz W. an. Einer anderen, einer Medizinstudentin, erklärte der Arzt, er arbeite an einer Studie über Venenleiden, ob sie mitmachen wolle. Auch diese Frau konnte sich danach nicht erinnern, was geschehen war. Sie schöpfte Verdacht, ließ sich noch in der Nacht von ihrem Vater, einem Arzt, Blut abnehmen. Dabei wurde das Hypnotikum gefunden. Am nächsten Morgen wäre es nicht mehr nachweisbar gewesen. Sie stellte Strafantrag. Seitdem wird ermittelt.

Was die Verteidigung sagt

"Die Vernichtung von Dr. W. ist in vollem Gang und nicht mehr aufzuhalten", sagt einer seiner drei Verteidiger, Klaus Bernsmann aus Bochum. Erst vor Ostern ist ein Verteidiger noch abgesprungen. Schon zuvor hatte Dr. W. einen Anwalt gewechselt. Nun also Bernsmann, ein Strafrechtsprofessor: Ausschließlich zu medizinischen Zwecken habe Dr. W. die Untersuchungen vorgenommen, sagt er, "fern aller sexuellen Tendenz." Er habe die hohen Todesraten bei Beckenvenenthrombosen nicht hinnehmen wollen. Das habe ihn bewogen, "neue, ungewöhnliche, für den Laien seltsam anmutende Untersuchungsmethoden" anzuwenden.

Dr. W. werde über sein Fach und seine Motive sprechen, er wolle sogar, dass eine medizinische Puppe in den Saal gebracht wird, an der er zeigen könne, um welche Problematik es gehe. Auf keinen Fall werde der Mandant Zeuginnen bloßstellen. Er habe eine "makellose, hervorragende Lebensleistung". Und an diesem makellosen Leben lässt der Angeklagte dann auch das Gericht bereitwillig teilhaben.

Immer war er gut, besser, der Beste

Bundeswehr, Einzelkämpferausbildung, Fallschirmspringer, Leutnant der Reserve. Nachtwachen bei Frischoperierten als Student, schon damals habe er erlebt, wie ein Junge an einer Lungenembolie gestorben sei, das habe ihn bewegt. An dieser Stelle legt sich Trauer auf die Stimme des Angeklagten. Dann Praktisches Jahr in der Schweiz, da sei wieder eine Patientin an einer Beckenvenenthrombose gestorben, er habe der dreijährigen Tochter vom Tod berichten müssen. Die Frau damals sei mit herkömmlichen Methoden untersucht worden. "Vielleicht kommt schon daher meine Abneigung gegen solche konservative Untersuchungsmethoden."

Dann fing er in Erlangen am Krankenhaus an, machte seinen Facharzt in kürzester Zeit, wechselte 2005 als Chefarzt nach Bamberg. Nichts lässt er aus, nicht mal , dass er Leitender Notarzt beim Festival Rock im Park war. Immer war er gut, besser, der Beste. Seine Klinik das erste zertifizierte Gefäßzentrum in Nordbayern, er auf der Bestenliste von Focus. Vorstandsmitglied in der deutschen Gesellschaft für Phlebologie, deren Kongress er für das Jahr 2015 nach Bamberg geholt hat. Und dann sagt er auch noch: "Ich bin die Leitfigur der Kampagne 'Nur Mut zur Chirurgie' gewesen."

Richter Ralf Schmidt sieht aus, als wenn ihn nichts so schnell aus der Ruhe bringen könnte. Nun wiegt er schon die ganze Zeit den Kopf. Dann, als Dr. W. aufhört, sagt er mit einem Anflug von Ungeduld: "Es geht um die Tatvorwürfe, vielleicht ist weniger mehr."