Prozess Fahrdienstleiter von Bad Aibling chattete kurz vor dem Unglück

  • Im Prozess um das Zugunglück von Bad Aibling mit zwölf Toten hat ein wichtiger Sachverständiger am Montag wegen Krankheit nicht aussagen können.
  • Der IT-Experte hatte die Daten auf dem Handy des angeklagten Fahrdienstleiters ausgelesen und sollte am vierten Verhandlungstag vor dem Landgericht Traunstein darüber berichten.
  • Er wird sein Gutachten stattdessen voraussichtlich am Donnerstag abgeben.
Aus dem Gericht von Annette Ramelsberger

Es ist ein Spiel, das nie zu Ende geht. Mal greift ein Drache an, mal ein Kopfgeldjäger, mal findet man eine Schatztruhe voll Geld und kann sich neue Waffen, neue Krieger kaufen. Immer geht es weiter, im Kampf gegen das Böse. "Man tötet und tötet", sagt Dimitru Nicolescu von der rumänischen Spiele-Firma Gameloft. "Man kann immer weiter spielen. Das Einzige, was passieren kann, ist, dass man sich vielleicht irgendwann langweilt."

Es geht um das Spiel "Dungeon Hunter V", ein Fantasy-Kampfspiel in Mittelalter-Kulisse, das der Fahrdienstleiter Michael P. am Morgen des 9. Februar gespielt hat - so intensiv, dass er nach Meinung der Staatsanwaltschaft dadurch von seiner Arbeit abgelenkt war und mehrere verhängnisvolle Fehler beging. An deren Ende stießen bei Bad Aibling zwei Regionalzüge frontal zusammen. Zwölf Menschen starben, 89 wurden schwer verletzt.

Zugunglück bei Bad Aibling Zugunglück von Bad Aibling: Technik war nicht auf dem neuesten Stand
Landgericht Traunstein

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Außerdem spricht der Sachverständige von einem Schaltfehler im Stellwerk. Seine Einschätzung ist wichtig, schließlich geht es in dem Prozess auch um eine Mitverantwortung der Bahn.   Aus dem Gericht von Matthias Köpf, Traunstein

Seit dem 25. Oktober steht der Fahrdienstleiter in Traunstein vor Gericht, ihm wird die fahrlässige Tötung der zwölf Menschen vorgeworfen. Er hat zugegeben, das Spiel gespielt zu haben. Doch entscheidend wird sein, ob er durch das Spiel wirklich so abgelenkt war, dass er seinen Dienst nicht mehr ordentlich machen konnte.

An diesem vierten Verhandlungstag wird deutlich: Er hat an jenem Morgen nicht nur für sich gespielt, sondern auch mit anderen Spielern gechattet. Um 4.10 Uhr, um 4.12 Uhr und um 5.35 Uhr laut Greenwich Mean Time - nach deutscher Zeit muss man noch eine Stunde dazurechnen. Das würde bedeuten: Der Fahrdienstleiter hat nur zwölf Minuten vor dem Zusammenstoß um 6.47 Uhr noch mit einem Mitspieler gechattet. Was er dabei gesagt hat, ist laut dem Zeugen der Spiele-Firma nicht mehr zu rekonstruieren. Auch nicht das exakte Spiel, das Michael P. am 9. Februar spielte.

Bekannt ist, dass er an diesem Morgen aktiv am Spielen war und noch einen Krieger rekrutierte. Wie lange das dauerte und wie aufwändig das war, konnte der Zeuge nicht erklären. Aber er bestätigte, dass man dafür auf dem Handy herumdrücken müsse. Und: Man könnte eine Pause machen, wenn man allein spielt. Wenn man mit anderen spielt, dann wird es schwieriger. Auch deswegen ist der Hinweis auf den Chat wichtig.

Das Spiel treibt einen Spieler an, immer weiter zu machen, weil man sich nach oben arbeiten kann in der Rangfolge, weil man, wie der Angeklagte, in "Gilden" spielt, die gemeinsam Ziele verfolgen. Weil man sich immer neue Kräfte und Ressourcen kaufen kann, mal für zwei Dollar, mal für 50 Dollar. Daran verdient die Firma "Gameloft". Und bindet die Spieler immer stärker ein in eine Parallelwelt.

Ob diese Parallelwelt den Angeklagten so sehr aufgesogen hat, dass er nicht mehr wusste, was in der realen Welt von ihm verlangt wurde, das soll am Donnerstag ein Sachverständiger klären.

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