Prognose Bayern wächst - aber sehr ungleichmäßig

  • 2036 werden in Bayern etwa 540 000 Menschen mehr leben, so neue Zahlen von Innenminister Herrmann.
  • Dabei ist das Wachstum aber sehr ungleich verteilt: Generell wachsen vor allem die Städte, die ländlicheren Regionen verlieren Einwohner.
  • Außerdem wächst vor allem Oberbayern - hier halten sich Geburten und Todesfälle die Waage.
Von Wolfgang Wittl

Bayerns Bevölkerung wächst und wächst - und sie wird immer älter. Das sind die beiden Kernbotschaften, die Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Montag in München verkündet hat. Allerdings wächst der Freistaat in den nächsten 20 Jahren nicht gleichmäßig. Nehmen die Bevölkerungszahlen im Süden rasant zu, so gehen sie im Norden teils drastisch zurück. Die vereinfachte Faustformel heißt: Je weiter Gebiete von München entfernt liegen und je ländlicher sie sind, desto stärker schwindet die Bevölkerung. Die Landeshauptstadt mit ihrem Speckgürtel hingegen legt weiter kräftig zu.

Knapp 13 Millionen Menschen lebten Ende 2016 in Bayern, im Jahr 2036 werden es nach Prognosen des Landesamtes für Statistik fast 540 000 mehr sein. Während andere Bundesländer Einwohner verlieren, nimmt Bayern um mehr als vier Prozent zu. Der Freistaat profitiert dabei von seiner wirtschaftlichen Dynamik. Allein in den vergangenen fünf Jahren zogen mehr als eine halbe Million Menschen nach Bayern - der überwiegende Teil aus dem europäischen Ausland. Besonders bemerkenswert: Sämtliche 25 kreisfreien Städte und 71 Landkreise profitieren von diesen sogenannten Wanderungsgewinnen.

Dass manche Regionen trotzdem an Einwohnern einbüßen, ist dem Missverhältnis von Geburten und Todesfällen geschuldet. Zwar kamen 2016 so viele Kinder zur Welt wie noch nie in diesem Jahrtausend (125 689), jedoch starben knapp 4000 Menschen mehr. Ohne Zuzug würde die Bevölkerung in den nächsten 20 Jahren um etwa vier Prozent schrumpfen. Allein Oberbayern bliebe stabil, alle anderen Regierungsbezirke würden mitunter zweistellig verlieren. Nur in München, Rosenheim, Eichstätt, Freising, Ingolstadt, Regensburg und Erlangen wird es künftig mehr Geburten als Sterbefälle geben. Am größten ist die Differenz im oberfränkischen Landkreis Wunsiedel mit minus 17,3 Prozent.

Oberfranken ist auch der Regierungsbezirk mit dem größten prognostizierten Bevölkerungsschwund. Um 63 000 Einwohner soll die Zahl im Nordosten Bayerns bis 2036 zurückgehen, das sind fast sechs Prozent. Auch hier verzeichnet der Landkreis Wunsiedel mit einem Minus von 15,3 Prozent die schlimmsten Verluste. Ähnlich stark betroffen sind Stadt und Landkreis Hof sowie die Kreise Kronach, Kulmbach und das oberpfälzische Tirschenreuth.

Der zweite Regierungsbezirk mit sinkenden Zahlen ist Unterfranken mit einem erwarteten Minus von 46 000 Menschen, das entspricht 3,5 Prozent der derzeitigen Bevölkerung. Nach Berechnungen der Statistiker wird die Einwohnerzahl bayernweit bis 2036 in insgesamt 33 Landkreisen und kreisfreien Städten schrumpfen.

Dass der Freistaat trotzdem um eine halbe Million Menschen wächst, liegt an der Anziehungskraft der Großstädte und des prosperierenden Südens. Das größte Plus wird in Oberbayern erwartet, die Zahl von derzeit gut 4,6 Millionen Einwohner steigt auf voraussichtlich 5,1 Millionen an - und damit um fast zehn Prozent. Fast 38 Prozent aller Menschen in Bayern leben dann zwischen Eichstätt und Berchtesgadener Land. Ungebremst voran geht der Zuwachs in München um zwölf Prozent auf fast 1,64 Millionen Menschen. Die Münchner Stadtverwaltung geht dagegen sogar von 1,8 Millionen Einwohnern schon im Jahr 2030 aus. Noch mehr wachsen aber die umliegenden Landkreise, am stärksten Dachau mit 15,5 Prozent. Das ist die Spitzenposition in Bayern. Nur Erding, Ebersberg, der Kreis München und Landshut legen in ähnlichem Ausmaß zu.

Mittelfranken und die Oberpfalz profitieren von Metropolen

Schwaben profitiert nach Oberbayern am meisten vom Zuzug. Gut 83 000 Menschen lassen die Einwohnerzahl auf fast zwei Millionen wachsen, ein Anstieg von 4,5 Prozent. Auch Niederbayern wird trotz der problematischen Grenzlandkreise Regen und Freyung-Grafenau zulegen, um 3,6 Prozent auf dann 1,26 Millionen Einwohner. Mittelfranken hat sein Wachstum um gut 50 000 Menschen (2,9 Prozent) vor allem seiner Metropolregion zu verdanken. Fürth liegt mit einem Plus von 8,3 Prozent sogar noch vor Nürnberg.

Differenziert sind die Zahlen in der Oberpfalz zu betrachten. Zwar nimmt die Bevölkerung im gesamten Regierungsbezirk um ein Prozent und 10 500 Menschen zu. Doch der strukturschwächere Norden muss mitunter erhebliche Einbußen erdulden. Zunehmen wird in ganz Bayern auch das Durchschnittsalter von 43,6 auf 46 Jahre. Waren 2016 noch 18,6 Prozent der Bevölkerung jünger als 20 Jahre, werden es 2036 nur 18,3 Prozent sein. Noch markanter sind die Zahlen bei den über 65-Jährigen, bei ihnen wächst der Anteil von 20,1 auf 26,5 Prozent. Am ältesten werden die Oberfranken sein (durchschnittlich 48,2 Jahre), am jüngsten die Oberbayern (44,6).

Die Staatsregierung halte an ihrem Ziel fest, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen, sagte Innenminister Herrmann. Ballungsräume müssten entlastet, in ländlichen Regionen müssten Arbeitsplätze geschaffen werden. SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher warf der CSU eine "über Jahrzehnte vernachlässigte Strukturpolitik" vor. Es dürfe kein Bayern der zwei Geschwindigkeiten mehr geben. Herrmann sagte mit Blick auf die Bevölkerungszahlen: "Wir freuen uns über Zuwachs, aber wir wollen nicht übertreiben." Die Frage der Zuwanderung etwa unterliege vielen Unwägbarkeiten. In der Tat: Vor vier Jahren lag die Schätzung für das Jahr 2032 bei knapp 13 Millionen Einwohnern - eine Zahl, die schon jetzt übertroffen ist.

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