Passau Tödliche Schläge

In der Pfarrkirche Obernzell erinnert eine Gedenkstelle mit einem Foto an den Jugendlichen, der im April bei einer Schlägerei in Passau den Tod fand.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen zwei junge Erwachsene und vier Jugendliche

Von Andreas Glas, Passau

Nicht nur die Niederbayern hat dieser Fall aufgewühlt. Im vergangenen April schaute das ganze Land nach Passau. Am hellen Tag, mitten in der Stadt, stirbt der 15-jährige Maurice K. in einer Fußgängerunterführung. Dort hatte er sich mit einem Gleichaltrigen verabredet, um einen Streit auszutragen. Eine Kraftprobe, eins gegen eins, das könnte die Abmachung der beiden gewesen sein. Doch dann mischen sich weitere Jugendliche ein. Sie schlagen mit Fäusten auf Maurice K. ein, auf seinen Kopf und seinen Oberkörper. Als der Bub aus Obernzell bewusstlos zu Boden fällt, stehen bis zu 20 junge Menschen daneben. Er erstickt an seinem eigenen Blut, niemand hilft ihm. Nun, vier Monate später, hat die Passauer Staatsanwaltschaft Anklage gegen insgesamt sechs Personen erhoben. Der Vorwurf: Körperverletzung mit Todesfolge.

"Das ist für mich Totschlag", hatte der Großvater des Opfers kurz nach der Tat gesagt. Soweit geht die Staatsanwaltschaft nicht in ihrer Anklageschrift, die am Mittwoch beim Passauer Landgericht eingegangen ist. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Beschuldigten keine Absicht hatten, Maurice K. zu töten. Bei den mutmaßlichen Schlägern handelt es sich um zwei junge Erwachsene und vier Jugendliche unter 18 Jahren. Für Letztere würde im Fall einer Verurteilung das Jugendstrafrecht greifen. Weitere Details zur Anklage möchte ein Sprecher der Passauer Staatsanwaltschaft am Mittwoch nicht bekannt geben. Ob alle sechs Beschuldigten auf Maurice K. eingeprügelt haben und ob es einen Hauptbeschuldigten gibt, diese Einzelheiten kommentiert auch die Präsidentin des Passauer Landgerichts nicht. Auf Nachfrage sagt Eva-Maria Kaiser-Leucht lediglich, dass die Ermittlungen nun abgeschlossen seien.

Gegen diejenigen, die bei der Tat zugeschaut haben, gebe es "derzeit keine konkreten Vorwürfe" wegen unterlassener Hilfeleistung, sagt der Sprecher der Staatsanwaltschaft. Man werde einen möglichen Prozess aber "natürlich unter diesem Aspekt beobachten". Man erhoffe sich dann weitere Aufklärung "zu den näheren Umständen". Zur Frage also, warum keiner der vielen Augenzeugen eingriff, um den Angriff in der Fußgängerunterführung zu stoppen. Selbst als Maurice K. schwer verletzt am Boden lag, rief niemand der Umstehenden den Rettungsdienst. Am Ende benachrichtigte eine Frau, die zufällig am Tatort vorbeikam, die Polizei. Ein Notarzt versuchte noch, Maurice K. wiederzubeleben. Eine Stunde später stellten sie in einer Klinik seinen Tod fest.

Zwischenzeitlich waren die Ermittler davon ausgegangen, dass ein Augenzeuge den Angriff auf K. mit einem Smartphone gefilmt hat. Wochenlang suchten sie fieberhaft nach dem Video, doch aufgetaucht ist es bis heute nicht. Nun also könnte bald ein Richter klären, was genau im April in der Passauer Fußgängerunterführung geschehen ist. Zunächst aber muss das Landgericht die Anklage prüfen und entscheiden, ob es die Hauptverhandlung gegen die sechs Angeklagten eröffnet. Wird die Anklage zugelassen, sei es wahrscheinlich, "dass noch in diesem Jahr die Verhandlung beginnt", sagt Landgerichtspräsidentin Kaiser-Leucht.