Modellbau-Affäre Der Zeuge, der zu viel weiß

Dreifachmörder Robert S. muss als Zeuge zum Fall Haderthauer aussagen. Der Ausschuss untersucht die sogenannte Modellbau-Affäre um die ehemalige bayerische Ministerin Haderthauer.

(Foto: dpa)
  • Roland S. gilt als Schlüsselzeuge in der Modellbau-Affäre um das Ehepaar Haderthauer. Er hat heute vor dem Untersuchungsausschuss des Bayerischen Landtags ausgesagt.
  • Das Brisante: Anscheinend war der Zeuge im Besitz von Dokumenten aus den Akten des Untersuchungsausschusses.
  • Christine Haderthauer war im vergangenen Sommer wegen der Modellbau-Affäre als Staatskanzleichefin zurückgetreten.
Von Dietrich Mittler

Florian Herrmann, der stellvertretende Vorsitzende des Modellbau-Untersuchungsausschusses, wirkte ziemlich sauer: "Wo haben Sie denn dieses Schreiben her?", fragte er den Zeugen Roland S. und hielt ihm ein vertrauliches Dokument aus dem Sozialministerium entgegen. Irgendwer musste es S. zugesteckt haben in der forensischen Psychiatrie Straubing. Dabei stammt es aus den Akten des Untersuchungsausschusses. Roland S. hatte das Papier dem Pflegepersonal überreicht, um es in seiner Patientenakte abzulegen. Und so gelangte es wieder zurück in die Hände von Herrmann. Die Antwort von Roland S. auf die Frage fiel knapp aus: "Ich weiß es nicht." Der 76-jährige Dreifachmörder S. fertigte im Bezirkskrankenhaus Straubing und in Ansbach gleichermaßen edle wie teure Oldtimer-Repliken. "Vom ersten Bleistiftstrich bis zum Werkstattkehren war ich überall involviert", sagte er am Freitag mit rauer, aber klarer Stimme im Untersuchungsausschuss. Dessen Vorsitzender Horst Arnold (SPD) hatte ihn als "Kardinalzeugen" angekündigt. Als den Mann, der Einblick geben sollte, welche Rolle die frühere Staatskanzleichefin Christine Haderthauer (CSU) und ihr Mann Hubert beim Vertrieb der Modellautos spielten. Das ist auch Gegenstand staatsanwaltschaftlicher Ermittlungen. Herrmanns Empörung richtete sich freilich weniger gegen den Zeugen, als vielmehr gegen die undichte Stelle im Ausschuss. Denn nur von dort kann das Dokument nach außen geschleust worden sein. "Das ist schon ein problematischer Vorfall. Wir müssen dem doch noch einmal nachgehen, dass hier Akten des Untersuchungsausschusses an Zeugen weitergegeben werden", sagte Herrmann. Ein solches Vorgehen, so stellte er klar, sabotiere letztlich das Ansinnen des Ausschusses, der Wahrheit auf die Spur zu kommen.

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Schreiben ist wohl ein brisanter Entwurf aus dem Sozialministerium

Bei dem Schreiben handelt es sich offenbar um einen brisanten Entwurf aus dem Sozialministerium, das der Ausschuss in einer der zurückliegenden Sitzungen behandelt hatte. Inhalt: Kritische interne Einschätzungen der Modellbau-Therapie in Straubing sowie der "eher undurchsichtigen Geschäfte", die Hubert Haderthauer als früherer Forensikarzt mit der Straubinger Einrichtung betrieb. Verfasst worden waren sie zu der Zeit, als Christine Haderthauer Sozialministerin wurde, also Ende Oktober 2008. Von diesem fraglichen Dokument gibt es nur einen Entwurf, und den nun auch in der Patientenakte von Roland S. als Kopie. Offen blieb, wer ihm dieses Schreiben zugespielt hatte. Das vertrauliche Dokument aus dem Bestand des Untersuchungsausschusses war aber nicht das einzige Mysterium, das zur Sprache kam. Roland S. berichtet im Laufe seiner Vernehmung davon, dass er über die Produktion der Modellautos genaue Aufzeichnungen angefertigt hatte. Damit hätte man exakt nachweisen können, in welchem Umfang mit den Modellen Geschäfte gemacht wurden. Die Papiere aber sind verschwunden. Was damit im Herbst 2008 geschah, schildert Roland S. so: Ein Therapeut sei zu ihm gekommen und habe den Ordner an sich genommen mit der Begründung: "Die Verwaltung möchte wissen, was bisher produziert wurde." Eine Quittung habe er nicht erhalten, sagt S. auf Nachfrage. "Ich habe den Ordner zurückverlangt, September, Oktober 2008. Da hat man mir gesagt: Keiner weiß, wo das geblieben ist." Der Ausschussvorsitzende Horst Arnold fragt nach: "Wissen Sie, was da zu dieser Zeit politisch in Bayern passiert ist?" - "Ja, Frau Haderthauer wurde Sozialministerin." Arnold gibt sich daraufhin betont sachlich: Man wolle hier ja niemandem etwas unterstellen.

Therapiepläne gab es erst in Straubing

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Eines allerdings fördern die Aussagen von Roland S. auch zutage: Das Therapieangebot war in seiner Zeit in Ansbach so gut wie nicht vorhanden. Was in den Akten zum Beispiel als Gruppentherapie vermerkt war, habe einer Posse geglichen. "Bei der Visite hatte der Arzt den einen zur Minna gemacht, den anderen ein bisschen gelobt, und das war es dann." Einen Therapieplan habe er erst in Straubing bekommen - und auch das erst 2014 . Dabei habe er in all den Jahren wiederholt um Therapien gebeten. Über seinen früheren Arzt Hubert Haderthauer sagt Roland S. nur: "Therapeutisch war er gleich null."

Es blieb nicht allein bei diesem Hinweis, dass in Ansbach, aber auch in Straubing nicht alles so lief, wie es in einer Einrichtung für psychisch kranke Straftäter laufen sollte. "In Ansbach waren 34 Leute im Schlafsaal untergebracht", sagt S., und niemand habe ihm gesagt, dass Straubing für ihn quasi ein Ziel ohne Rückkehr sei. S. war freiwillig in die viel strengere Hochsicherheitseinrichtung mitgegangen, als der Modellbau dorthin verlegt wurde.

Der frühere Forensik-Patient Gustl Mollath, der an diesem Tag als Zuhörer anwesend war, erklärte am Rande der Sitzung im Landtag: Der eigentliche Skandal hier seien die Zustände in der forensischen Psychiatrie: "Zwangsmedikamentierung, Isolationshaft, das ist Folter", sagte Mollath - umringt von Fernsehkameras.

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