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Mitten in Bayern:Vereinsmeier gesucht

Gschaftlhuber heißt es oft spöttelnd über Funktionäre, doch ohne sie sind viele Vereine dem Untergang geweiht. Im oberbayerischen Freilassing könnte es nun zur Neugründung eines Krieger- und Reservistenvereins kommen. Aus der Not heraus

Bayern gilt ja als Hochburg der "Vereinsmeier", das Engagement mit Herzblut und gern Detailverliebtheit hat aber nicht immer ein gutes Ansehen. Gschaftlhuber werden Funktionäre genannt, oder Schlimmeres: Der fränkische Schriftsteller Michael Georg Conrad verspottete einst die "Vereinsmeier, Parteihanswurste und Herdenmenschen, die für sich kein Trümmchen Originalität und Selbständigkeit haben". Nun ist das meistens ungerechtfertigt. Weil Vereine nicht zur Gewinnmaximierung, sondern für sozialen Zusammenhalt, Geselligkeit, Teilhabe, Tradition oder die Jugend da sind, braucht es nun mal Leute, die sich unentgeltlich einsetzen. Was man an Vereinen hat, merkt man erst dann, wenn sie fehlen. Mindestens 16 000 e. V.s in ländlichen Regionen bundesweit haben sich laut Studien seit dem Jahr 2006 aufgelöst. Die Gründe? Fehlender Zulauf und kaum Vereinsmeier, die den Laden leiten.

Bayerns Lokalzeitungen sind voll von Auflösungserscheinungen: Chöre, Schützen- und Gartenbauvereine, sogar Fußballklubs. Oder Soldaten- und Veteranenvereine. Im Berchtesgadener Land hat es den Krieger- und Reservistenverein Freilassing-Salzburghofen erwischt - nach 134 Jahren. Seit der Aussetzung der Wehrpflicht und mit der Entfremdung der Gesellschaft von ihrer Bundeswehr herrscht Nachwuchsmangel. Besiegelt wurde das Ende der Ära aber, weil sich partout kein Vorstand fand. Wie der Freilassinger Anzeiger meldet, wendet sich die Sache aber wohl noch. Einem Bürger, Ex-Zeitsoldat, tat es "in der Seele weh, einen Verein mit einer solchen Tradition einfach sterben zu lassen". Er startete auf Facebook einen Rettungsaufruf - fünf Interessenten soll es schon geben, zwei fehlen noch, um ein Verein zu sein. Weil sich die Auflösung nicht revidieren lässt, könnte es ein ziemliches Novum geben: die Neugründung eines Reservistenvereins. Es geht dem Initiator etwa um das Gedenken am Volkstrauertag, "nichts, wo man sich drei Mal die Woche treffen muss wie beim Fußball".

In der Szene der Soldatenvereine ist der Schwund Sorgenthema, vom Dachverband wurde so mal die Öffnung empfohlen - für Interessierte ohne Militärzeit und Frauen. Das ist mitunter geschehen. In einigen Vereinen wurde aber wild diskutiert - und eine Reform abgelehnt. Ach, diese Vereinsmeier! Es gibt sie doch.

© SZ vom 02.01.2020
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