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Mitten in Bayern:Marterpfahl der Bauern

Dass Landwirte sauer sind, wenn Vögel ihnen die Saat vom Feld fressen, ist verständlich. Doch so manche Vergrämungsidee hat was Martialisches

Kolumne von Florian Fuchs

Natürlich gibt es auch bei diesem Problem eine Hightech-Variante, akustisch-optisch kombinierte Vogelabwehrgeräte beispielsweise. An Ideen herrscht kein Mangel, wie Landwirte Krähen und Raben vertreiben können, um ihr Saatgut auf den Feldern zu schützen. Reflektierende CDs mögen die Vögel überhaupt nicht, mit Helium gefüllte Folienballone erfüllen auch ihren Zweck. Manchmal rupfen Bauern die Federn der Schwingen und des Schwanzes einer toten Krähe aus und stecken sie in einem Kreis in den Boden. Manch einer hängt aber auch mal gleich den ganzen toten Vogel an Pfählen auf.

Die Variante mit den toten Krähen ist ein alter Bauerntrick, an den sich auch immer mal wieder Landwirte in Bayern erinnern - und dann ebenso verlässlich wie verständlich Ärger bekommen. Im schwäbischen Landkreis Dillingen musste erst vor Kurzem die Polizei aktiv werden: Ein Spaziergänger war nachhaltig verstört, als er die grausige Abschreckung in einem Maisfeld entdeckte. Er verständigte die Polizei, die nicht lange recherchieren musste, bis der Fall geklärt war: Der Landwirt wollte sich nicht das Saatgut vom Feld fressen lassen, also hat er bei einem Jagdpächter eingefrorene Dohlen erstanden, die er dann an Seilen an die Pfähle gebunden hat. Der Jagdpächter durfte die Dohlen schießen. Dem Landwirt aber erläuterten die Polizisten, dass seine Aktion nicht allzu gut ankommt, worauf er sich einsichtig zeigte und die Kadaver wieder einsammelte. Das zuständige Präsidium verzichtet im Gegenzug darauf, eine Ordnungswidrigkeit im Sinne des Tierische Nebenprodukte-Beseitigungsgesetzes zu verfolgen.

Wer etwa in Fachzeitschriften für Landwirte schaut, der weiß, dass aufgehängte Vogelkadaver nicht einmal ein wirksames Mittel zum Schutz des Saatguts sind. Raben und Krähen gelten als schlau, sie lassen sich höchstens ein bis zwei Tage von toten Artgenossen abhalten, Felder anzufliegen. Versuche zeigen, dass Raben teils über kognitive Fähigkeiten verfügen, die man vierjährigen Kindern nicht zuschreibt: Etwa wenn sie Steine in ein Glas mit Wasser werfen, um den Pegelstand zu erhöhen und so schließlich ans Trinkwasser zu gelangen. Manchmal sind sie aber offenbar auch schlauer als Erwachsene.

© SZ vom 26.06.2020

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