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Mitten in Bayern:Ein Käfig voller Narren

In Rieneck hat das Fastnachtskomitee ein ganz besonderes Prinzenpaar ernannt

Kolumne von Johann Osel

Der Hahn an sich - man kann es kaum anders sagen - ist schon eine arme Sau. Ihm wird ja Zanksucht in der Rolle eines Streithahns ebenso zugeschrieben wie gockelhaftes Benehmen. Er steht für morgendliche Ruhestörungen oder für grimmige Hahnenkämpfe, wie sie unter gleichnamigem Titel Wilhelm Busch beschreibt: "Jetzt rupft der Gickerich, o Graus, dem Gackerich die schönste Feder aus." Oder Beispiel Regensburg: Die Legende erzählt, dass der Baumeister der Steinernen Brücke sich einst Hilfe über einen Pakt mit dem Teufel holte und ihm als Lohn die Seelen der ersten drei Brückennutzer versprach. Tiere trieb der listige Kerl prompt über die Brücke: Natürlich musste ein Hahn herhalten! Ähnlich war es lange bei Verdacht auf Brandstiftung. Jemandem "den roten Hahn aufs Dach setzen" - das sagt zwar längst keiner mehr, als Redewendung bezeugt ist die verbale Schelte für den Hahn aber seit dem 16. Jahrhundert.

Damit ins Heute, nach Rieneck in Unterfranken, Kreis Main-Spessart. Dort müssen gerade zwei Hähne für eine menschengemachte Malaise herhalten. Das örtliche Fastnachtskomitee tat sich offenbar schwer mit der Suche nach einem Prinzenpaar, und weil man am Wochenende zum Start der Saison nicht ohne Galionsfiguren dastehen wollte, verdonnerte man kurzerhand zwei Stück Federvieh. Da der närrische Verein "Die Göikel" heißt, war diese Wahl ohnehin fast naheliegend. "Eine tolle und gelungene Idee, die für viel Gelächter sorgte", notiert denn auch die Zeitung Mainpost. Auch in Rieneck spielt das Klischee des Streithahns eine Rolle, denn in Anlehnung an die Landespolitik im fernen München tragen die Gockel die Namen Markus I. und Horst I. - auf Debatten über gleichgeschlechtliche Prinzenpaare, wie sie andernorts geführt wurden, ließ man sich erst gar nicht ein. Details der repräsentativen Pflichten werden jetzt noch eruiert.

Auch das Bayerische Fernsehen hat über die Proklamation berichtet, nach der aus überregionaler Sicht sonst wohl kein Hahn krähen würde. Die Bilder zeigten ein einträchtiges Paar im Käfig, kein federnrupfender Streit wie in der CSU und erst recht kein Hahnenkampf wie in den Versen Wilhelm Buschs: "Sie fangen mit den Tatzen, entsetzlich an zu kratzen." Klischees bleiben halt oft Klischees.

© SZ vom 14.11.2018
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