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Mitten in Bayern:Boandlkramer im Stream

Joseph Vilsmaiers letzter Film kommt nicht in die Kinos, sondern startet gleich im Internet

Glosse von Matthias Köpf

Wenn die größte Hoffnung vor allem darin ruht, dass endlich der Boandlkramer kommt, dann scheint es wirklich weit zu fehlen. Aber der Boandlkramer, dieser sagenhafte bayerische Sensenmann, hat sich in den Augen vieler Wartender zuletzt als unzuverlässig und am Ende regelrecht als illoyal erwiesen. Und wenn der Boandlkramer nicht tut, was von ihm zu erwarten ist, dann liegt laut den einschlägigen Geschichten bald einiges im Argen. Entsprechend droht die Welt auch in dem übrigens völlig vorpandemischen Film "Der Boandlkramer und die ewige Liebe", dem letzten Werk des 2020 gestorbenen Joseph Vilsmaier, im Chaos zu versinken. Und ausgerechnet dieser Vilsmaier'sche Boandlkramer soll jetzt auch in Wirklichkeit nicht so schnell kommen - jedenfalls nicht in all die virushalber geschlossenen Kinos, in denen man schon so dringend auf ihn wartet. Sondern auf einem jener Streamingportale, die von den Kinobetreibern oft genug für den eigentlichen Kinotod gehalten werden.

Vilsmaier hat mit dem Film die in Bayern weltbekannte Geschichte vom Brandner Kaspar weitergedreht, die er 2008 auch schon verfilmt hatte. Vom Brandner Kaspar lässt sich der Boandlkramer üblicherweise beim Kartenspielen mit Kirschgeist kirre machen, und im neuen Film ist es jetzt eben die Liebe, die ihn ganz durcheinanderbringt und einen Pakt mit dem Teufel eingehen lässt. Und genau so einen oder zumindest einen ganz ähnlichen Pakt ist die Produktionsfirma nach Ansicht vieler Kinobetreiber nun mit Amazon eingegangen. Wenn also der Boandlkramer, der neben einem gewissen Bond, James Bond, wohl der größte Hoffnungsträger der bayerischen Kinos ist, nun Mitte Mai exklusiv in die Wohnzimmer gestreamt wird, dann werde er die Menschen später nicht mehr von ihren Sofas und in die Kinos locken. So lautet die Befürchtung derer, die wegen der mehrmals verschobenen Kinopremiere die Plakate mit dem Boandlkramer schon viele Monate in ihren Vitrinen hängen hatten und damit Werbung für den Film gemacht haben. In den sozialen Medien wird unter Filmfreunden nun viel diskutiert, ob sich Vilsmaier deshalb jetzt im Grab umdreht oder nicht. Er jedenfalls hat das Erscheinen des Boandlkramers leider gar nicht mehr erlebt.

© SZ vom 04.05.2021
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