Mitten in Bayern:Austritt statt Auftritt

Die Mühldorfer Schäffler würden nach der Pandemie gerne einen Extratanz einlegen, zur Aufheiterung, dafür sind sie schließlich da. Vorher allerdings gibt es noch ein paar wenig erheiternde Vereinsinterna zu klären

Glosse von Matthias Köpf

Die Schäffler waren früher recht gefragt in Mühldorf. Schließlich gab es in der Stadt viele Brauereien, und die brauchten Handwerker, die Fässer machten. Mit den Brauereien ist es allerdings nicht mehr weit her in Mühldorf. In diesem Frühjahr hat sogar die örtliche Weißbier-Dynastie Unertl ihre Brauerei aufgegeben. Sie lässt jetzt auswärts brauen, und ob man da noch nach dem Sechs-Elemente-Prinzip verfährt, das Quellwasser irgendwie energetisiert und alles mit klassischer Musik beschallt, ist offen. In Mühldorf gibt es zwar noch ein paar neumodische Kleinstbrauereien, viele Fässer brauchen die aber nicht. Doch die Mühldorfer Schäffler sind erstens sowieso keine Fassmacher mehr und zweitens gerade genug mit sich selber beschäftigt.

Wären sie das nicht, dann hätten sie traditionsgemäß erst wieder 2026 zu tun, wofür sie aber spätestens 2025 ins Training einsteigen sollten, denn die Faschingszeit ist ja früh im Jahr. Die Mühldorfer Schäffler sind wie ihre Vorbilder in München nämlich eine Art Faschingsgarde und führen alle sieben Jahre in roten Gewändern und schwarzen Kniebundhosen ihren Girlandentanz auf. All das soll 1517 in München zur Aufmunterung des Volkes nach einer Pestepidemie entstanden sein. Von jener Epidemie glauben vor allem die Schäffler selber zu wissen, aber Hauptsache sie ist vorbei. Weil aktuell sogar Pandemie ist und die auch mal ein Ende haben muss, wollen Mühldorfs Schäffler sogar eine Extraschicht einlegen und aufmuntern, "sobald Corona es zulässt".

So weit ist es noch nicht, aber einen Paukenschlag haben einige von ihnen jetzt schon mal ganz ohne Blaskapelle gesetzt. Sie brechen neben dem Sieben-Jahre-Turnus noch mit einer anderen Tradition, indem sie in aller Stille den "Mühldorfer Schäfflerverein e.V." gegründet haben. So kehren sie dem TSV 1860 Mühldorf den Rücken, unter dessen Dach sie immerhin seit 1862 getanzt haben, seit 2013 als eigene Abteilung. Der TSV sieht sich durch die heimliche Ausgründung hintergangen, einige Tänzer wollen im Verein bleiben. Zum Aufteilen der Gewänder und Requisiten wird es wohl einen Scheidungsrichter brauchen, und die nötige Zahl an Tänzern wird auch keine Seite allein aufbringen. Aber vielleicht lässt Corona ja noch länger nichts zu. Bis 2026 könnten sie sich dann ja geeinigt haben.

© SZ vom 26.07.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB