Medizintechnik Weitgehend nebenwirkungsfrei

Am Klinikum Marktredwitz werden Prostata-Operationen robotergestützt durchgeführt - sehr zum Gefallen der Patienten

Von Dietrich Mittler, Marktredwitz

Anfangs, da wollte sich Günter Igl aus Hof auf rein gar nichts einlassen - von wegen Prostata-Operation! Schon vor zwei Jahren hatte ihm sein Urologe dringend zu diesem Schritt geraten. "Herr Igl", so sagte der Arzt zu ihm, "normal ist eine Prostata so groß wie eine Kastanie. Ihre hat die Größe einer Mandarine." Igl, nicht auf den Mund gefallen, antwortete: "Es gibt auch große Kastanien." Aber der Urologe war beharrlich, und so ging der 75-Jährige jetzt zum ersten Mal in seinem Leben zur Behandlung in ein Krankenhaus. Igl entschied sich für das Klinikum in Marktredwitz. Als bayernweit erstes Haus bietet es ein robotergestütztes OP-Verfahren für die Behandlung von gutartigen Prostata-Vergrößerungen an.

"Das neue System, man hat ja keine Ahnung von dem Zeich", sagt Igl im Hofer Zungenschlag. Wolfgang Schafhauser jedoch, der Chefarzt der Urologischen Klinik im oberfränkischen Marktredwitz, ist überzeugt: "Das sogenannte Aquablation-Verfahren ist besonders schonend." So etwa seien die Auswirkungen auf die Sexualfunktionen - insbesondere auf die Erektionsfähigkeit - deutlich geringer. Das liegt vor allem daran, dass beim neuen Verfahren das Gewebe ohne jegliche Hitze-Einwirkung mit einem Wasserstrahl abgetragen wird.

Bei der Behandlung gutartiger Prostata-Vergrößerungen setzt das Krankenhaus im oberfränkischen Marktredwitz auf ein neues Verfahren. Bei diesem wird überflüssiges Prostata-Gewebe mit einem Wasserstrahl entfernt.

(Foto: Klinikum Fichtelgebirge/oh)

Bei den üblichen Standard-Verfahren wird überschüssiges Prostata-Gewebe entweder mit einer elektrischen Schlinge oder mit einem Laser entfernt, sodass es nicht mehr auf die darüber liegende Blase und die Harnröhre drücken kann und so das Wasserlassen zur Qual macht. Der Nachteil der Prostata-Verkleinerung per Laser oder per Schlinge ist die enorme Hitze, der auch das umliegende Gewebe ausgesetzt ist. Das gilt etwa für die Nerven, die an der Prostata-Kapsel entlanglaufen. Sie spielen für die sexuelle Potenz eine große Rolle.

Auch Fritz Hatter aus Marktredwitz war sich durchaus bewusst, dass Prostata-OPs das Risiko von Nebenwirkungen in sich tragen. Doch aus seiner Sicht führte nichts mehr daran vorbei. "Der Harnstrahl wurde dünner, und nachts musste ich drei-, viermal zum Wasserlassen", sagt er. Der 77-Jährige war etwas nervös, als er kürzlich zum OP-Termin erschien - als erster Patient, dessen Prostata-Vergrößerung in Marktredwitz robotergestützt behoben werden sollte. Zwar habe er als früherer Maschinenbau-Ingenieur "zur Technik großes Vertrauen", sagt er. Aber: "Das starke Geschlecht wird sehr schnell zum schwachen Geschlecht, wenn es um das werte Stück da unten geht." Mittlerweile kann er darüber lachen, die OP sei einwandfrei verlaufen. Noch stört ihn etwas der Wundschmerz. Dennoch ist Hatter bald nach der Entlassung aus der Klinik in den Keller gegangen und hat nachgeschaut, ob sein Saxofon "noch in Ordnung ist". Er ist drauf und dran, "eine Rentnerband zu gründen".

Kastaniengroß

Die Prostata ist eine anfangs kastaniengroße und rund 20 Gramm schwere Drüse am Boden der männlichen Harnblase. Sie umgibt die Harnröhre und produziert ein Sekret zum Samentransport bei der Ejakulation (Samenerguss). Ist sie vergrößert, so fällt den Betroffenen meist das Wasserlassen schwer. Auch ein geschwächter Harnstrahl ist typisch. Häufig müssen Männer mit einer vergrößerten Prostata selbst nachts mehrmals auf die Toilette. Die gutartige Vermehrung der Prostatazellen - nicht gleichzusetzen mit einer Krebserkrankung der Prostata - beginnt nach dem 30. Lebensjahr. In Europa sind davon bis zu 40 Prozent der Männer im Alter von 40 bis 49 Jahren und bis zu 80 Prozent der Männer im Alter von 80 bis 89 Jahren betroffen. Nicht automatisch führt die gutartige Prostata-Vergrößerung aber zu den oben beschriebenen Beschwerden. Dennoch: Gut 25 Prozent der Betroffenen brauchen früher und später eine chirurgische Intervention. Das neue "Aquablation"-Verfahren wird eingesetzt ab einer vergrößerten Prostata mit einem Gewicht von gut 30 Gramm.dm

An seine größte Sorge erinnert sich der 77-Jährige aber trotz aller Lebensfreude zurück: "Mein wichtigstes Anliegen war, nicht inkontinent zu werden." Diese Angst konnte ihm sein Operateur Alexander Kugler nehmen. "Die Operationszeit ist sehr kurz. Der Schließmuskel der Blase kann dadurch geschont werden, sodass keine Gefahr der Inkontinenz besteht", teilte er ihm mit. Auch die Erektionsfähigkeit und der Samenerguss könne durch das schonende Verfahren "mit hoher Wahrscheinlichkeit erhalten bleiben". Der Grund liege darin, dass der vom Roboter geleitete Jet-Strahl zuvor am Computer so exakt eingestellt werde, dass er nur Gewebe entferne, das er entfernen soll. Und so werde auch der für die Ejakulation wichtige Samenhügel-Bereich möglichst geschont.

Wenn Kugler, Facharzt für Urologie, das Verfahren beschreibt, fallen Fachbegriffe. Gern aber nutzt er auch Worte, die jeder versteht. "Bei der Urologie ist es wie beim Klempner. Sie müssen nur den Abfluss wieder freimachen", sagt er. Aber ganz so einfach sei es dann auch nicht: "Dass man dem Roboter sagt, mach mal das Prostata-Gewebe raus, und ich kann einen Kaffee trinken, so läuft das nicht", betont er. Für das Einrichten des OP-Ensembles mit dem Roboter als Hauptakteur braucht er augenblicklich noch eine Stunde. Zunächst wird der Ultraschallkopf, der große Bilder von Prostata und Blase auf den Bildschirm liefert, in den Enddarm eingebracht. Parallel dazu muss dann das vom zweiten Roboterarm gesteuerte Zystoskop mit der Jet-Düse, der Mini-Kamera und der Absaugeeinrichtung über den Penis zur Blase gelangen - immer der Harnröhre entlang.

Die US-amerikanische Firma, die ihr Aquablation-Verfahren weltweit vermarktet, legte Wert darauf, dass Kugler im Ausbildungszentrum an der Universität Barcelona alle Handgriffe in einem "Kadaver-Workshop" an Leichen einübte und sich auch mit den theoretischen Grundlagen vertraut machte. Eindrücke konnte Kugler zudem in der norddeutschen Asklepios Klinik Harburg gewinnen, wo das Verfahren bundesweit erstmals zum Einsatz kam.

Dank der innovationsfreudigen Geschäftsführung der Klinikum Fichtelgebirge gGmbH ist das Marktredwitzer Haus bundesweit das sechste, das auf die neue Technik setzt. Vorerst im Probebetrieb. "Wir zahlen 60 000 Euro für ein halbes Jahr, dann können wir entscheiden, ob wir das Ding kaufen", sagt Kugler. Kommende Woche werden die nächsten vier Patienten damit operiert.