Medizin:Raum für Hoffnung

Medizin: Bis zur Unkenntlichkeit vermummt sind die Mitarbeiter des Reinraumlabors im Landshuter Klinikum. Das soll zum einen die Krebsmittel gegen Verunreinigungen schützen. Zum anderen können Zytostatika bei Menschen ohne Tumorerkrankung Krebs auslösen - und das schon in kleinsten Mengen.

Bis zur Unkenntlichkeit vermummt sind die Mitarbeiter des Reinraumlabors im Landshuter Klinikum. Das soll zum einen die Krebsmittel gegen Verunreinigungen schützen. Zum anderen können Zytostatika bei Menschen ohne Tumorerkrankung Krebs auslösen - und das schon in kleinsten Mengen.

(Foto: Dietrich Mittler)

Im Reinraumlabor stellen Mitarbeiter des Klinikums Landshut Zytostatika für die Krebstherapie her. Die Hygienevorschriften sind extrem streng: Husten, Kratzen, Anfassen verboten. Alles zum Nutzen der Patienten

Von Dietrich Mittler, Landshut

Irina Schleifer ist noch wie beseelt von dieser Sendung, die sie neulich im Fernsehen gesehen hat. Wissenschaftler haben da ihre Thesen über die dunkle Materie im All unterbreitet. Einer von ihnen sagte, die Menschheit wisse gerade mal einen Bruchteil davon, was sich im Universum abspiele. Schleifer (Name geändert) gaben diese Worte zu ihrer eigenen Überraschung Zuversicht. "Es gibt da draußen eine höhere Macht, die uns beisteht", sagt sie. Die Ärztin der onkologischen Abteilung im Klinikum Landshut hat ihr soeben Blut abgenommen. Wenn die Werte in Ordnung sind, steht einer Chemotherapie an diesem Tag nichts mehr im Weg.

Schleifers Krankengeschichte begann im August 2014. Ärzte stellten bei ihr einen Darmtumor fest. Spätere Kontrolluntersuchungen ergaben Metastasen in der Lunge sowie in der Leber. Das Problem mit der Lunge sei ihr geblieben, sagt sie. Deshalb sitzt sie auch an diesem Tag seit 8.30 Uhr morgens hier im neunten Stock des Klinikums. Und hofft darauf, dass gleich die Ärztin hereinkommt und sagt, dass die Blutwerte okay sind und die hauseigenen Apotheker im Labor nun die eigens auf sie abgestimmte Infusionslösung vorbereiten können. Schleifer kennt diese Prozedur von früheren Chemotherapien in der Landshuter Onkologie. "Dass hier für mich persönlich Krebsmedikamente zusammengestellt werden, finde ich beruhigend", sagt die 62-Jährige. Tatsächlich trifft neun Stockwerke tiefer kurz darauf im Reinraumlabor die Bestellung ein.

Es ist dort unten eine Welt für sich - eine, die den meisten verschlossen bleibt. Nicht einmal die Mitarbeiter der Krankenhaus-Apotheke dürfen alle den Bereich hinter den blau und grün gekennzeichneten Türen betreten. Zu ihrer eigenen Sicherheit, aber auch jener der Patienten. Gerade einmal sieben der 17 Mitarbeiter haben dieses Privileg. Das Vorrecht ist an strenge Vorgaben geknüpft. Die erste Regel - unausgesprochen - lautet: Erkenne, was du wirklich bist. 2009 bereits hieß es in einem deutschlandweit verbreiteten Reinraumlabor-Verhaltenskodex: "Der Mensch ist die Haupt-Schmutzquelle im Reinraum, aber leider nicht entbehrlich."

Mario Kager, der Chefapotheker im Klinikum Landshut, bestätigt: "Die größte Gefahrenquelle ist hier der Mensch", sagt er, "es genügen nur wenige Keime, die zu einer Verunreinigung führen." Das neue Reinraumlabor - der Stolz des Klinikums - gleiche "einem Hochsicherheitstrakt mit strengsten Bekleidungs- und Verhaltensvorschriften". Vorab also das zur Kenntnis: Nicht ohne Notwendigkeit im Reinraum aufhalten! Keine hektischen Bewegungen! Nicht über Proben beugen, nicht in Richtung von Proben sprechen! Finger unter Kontrolle halten - nicht kratzen! Tabu sind zudem Hauterkrankungen, ja bereits ein Sonnenbrand. Unerwünscht sind auch Atemwegserkrankungen. Streng verboten ist es, Getränke, Nahrungsmittel, Taschentücher, Bleistifte, Radiergummis oder Papier ins Labor mitzunehmen. Also alles, was Partikel absondern könnte - und seien die noch so klein.

"Auch Raucher wären ein Problem - aufgrund der Partikel in ihrer Atemluft", sagt Burkhard Dickenhorst, der die Abteilung "Sterile Herstellung" leitet. Es sind also alles Nichtraucher, die da gerade nach einem aufwendigen Desinfektionsmarathon bis zur Unkenntlichkeit verhüllt in Schutzkleidung sogenannte Zytostatika herstellen - unter anderem auch für Irina Schleifer. Zytostatika haben die Eigenschaft, Stoffwechsel-Vorgänge zu stören, die Zellteilung zu hemmen. Und das macht sie so wertvoll für eine Chemotherapie. Entdeckt wurde ihre Wirkung während des Ersten Weltkriegs, als Ärzte mit dem Kampfstoff Schwefel-Lost experimentierten. Nach dem Krieg wurde aus dem weniger giftigen Stickstoff-Lost das erste Zytostatikum entwickelt.

Die mittlerweile in Deutschland eingesetzten Zytostatika haben damit nichts mehr gemein, gleichwohl haben Zytostatika oft Nebenwirkungen, verursachen in unterschiedlichem Ausmaß vorübergehend Haarausfall, Übelkeit und Erbrechen. "Ich habe das bislang gut vertragen", sagt Irina Schleifer, "nicht einmal Haarausfall". Einzig die Mittel, die sie vor der Chemotherapie erhalte, machten sie müde. Und dann, ja, das "Kribbeln in den Fingerkuppen".

Für die Mitarbeiter des Reinraumlabors stellen Zytostatika - und das sogar bereits im Molekülbereich - eine extrem hohe Gefahrenquelle dar. "Bei gesunden Menschen, die keine Tumorerkrankungen haben, können sie Krebs auslösen", warnt Dickenhorst. Und das Tückische daran: Der Krebs trete meist erst viele Jahre später auf. Dickenhorsts Chef Mario Kager kann sich noch gut an Zeiten erinnern, in denen Krankenschwestern auf den onkologischen Stationen ungeschützt mit Zytostatika hantierten. "1993 wurden die Substanzen von den Schwestern noch direkt am Arbeitsplatz zusammengemischt", sagt er. Dann der Schock: Bei einigen wurden Erbgutveränderungen festgestellt.

Mittlerweile werden im Klinikum Landshut bis zu 10 000 Infusionen jährlich für Krebspatienten hergestellt. In einem anderen Teil des Reinraumlabors - blau markiert - überdies etwa 2000 Nahrungsbeutel für Frühchen. Wie im grün markierten Zytostatika-Bereich gilt dort oberste Hygiene. Die geringste Keimbelastung könnte für Patienten tödlich sein. Der Zutritt zu den Räumen ist nur über Schleusen möglich. "Es gibt verschiedene Reinraum-Klassen", sagt Dickenhorst, "kenntlich gemacht durch die Farbe des Fußbodens". Das bedeutet: je heller der Boden, desto strenger die Sicherheitsmaßnahmen. Am empfindlichsten sind die in der Reinraum-Klasse A. Dazu zählen im Landshuter Reinraumlabor indes nur die gläsernen 1,90 Meter breiten Werkbänke, in denen die toxischen Substanzen für Infusionen entnommen und gemischt werden. "Die Partikelmesser hier würden noch ein fliegendes Bakterium erkennen", sagt Dickenhorst.

Vor der Produktionsstätte, die das Allerheiligste eines Reinraumlabor-Komplexes darstellt, liegt erst einmal die Schatzkammer, also jener Bereich, in denen die einzelnen Substanzen aufbewahrt werden. Dickenhorst zieht Metallschubladen hervor - voll mit gläsernen Fläschchen. Darunter seien auch Antikörper, die in der Krebsbekämpfung zunehmend an Bedeutung gewinnen. "Das hier drin dürfte so um die 500 000 Euro kosten", sagt er. Sodann zeigt er auf einen anderen Schrank: "Gut 100 000 Euro." Bei einem der Kühlschränke verharrt er: "200 000 Euro."

Dickenhorst hat einen Weg gefunden, seinen Stolz auf das Reinraumlabor zu verbergen, dessen Einrichtung immerhin 3,5 Millionen Euro kostete. Staunen Besucher über Gerätschaften, so holt er sie flott auf den Boden zurück: "Ach, der Autoklav da - ist im Grunde nichts anders als ein großer Dampfkochtopf zum Sterilisieren." Eines aber beschreibt auch er mit Superlativen: "Das monströs große Belüftungssystem, das wir unten im Keller stehen haben, total spannend, da werden unglaubliche Luftmengen durchgeblasen!"

Im Produktionsraum wird mit Hilfe dieser Anlage 44 Mal pro Stunde die Luft komplett ausgetauscht. Filteranlagen holen die kleinsten Partikel heraus. Hier in diesem Raum sind schnelle Bewegungen tabu, Luftverwirbelungen sind zu vermeiden. Ein normaler Mundschutz reicht nun auch nicht mehr. "Der hier nötige ist so dick, dass man am Ende glaubt, man hat Asthma", sagt Dickenhorst. Er ist nun kaum mehr zu verstehen, der Lärm des Luftstroms verschluckt seine Silben.

Schweigend sind indes zwei seiner Mitarbeiter dabei, unter der Werkbank toxische Substanzen zu einer zumindest lebensverlängernden Infusion zu mischen. Dickenhorst und Kager wissen um die Hoffnungen, die die Patienten daran knüpfen. Eine der mittlerweile eingeschweißten Infusionen wird auch zu Irina Schleifer gelangen. Die will den Krebs besiegen. "Andere", so sagt sie, "haben das auch geschafft".

© SZ vom 07.04.2017
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