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Landesgeschichte:Dort, wo der Schlagbaum stand

Was Historiker über denkwürdige bayerische Orte herausfanden

Von Hans Kratzer

Als der Historiker Hans-Michael Körner im Sommer 2012 seine Abschiedsvorlesung an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) hielt, widmete er sie der alten Grenzstadt Furth im Wald, dem Ort seiner Kindheit. Seine Erinnerungen offenbarten die Ambivalenz eines Lebens, das noch von Begriffen wie Grenze, Grenzland und Grenzbahnhof geprägt war. Für den jungen Körner waren dies jeden Tag reale Begleiter, während seine Ferienbesucher aus der Mitte des Landes den in Sichtweite präsenten Phänomenen wie Schlagbaum, Stacheldraht und Wachtürmen eher verstört gegenüberstanden. Die Mahnung "dass d' fei net über d'Grenz kimmst" drückte damals die stetige mütterliche Sorge aus, weil das Leben direkt am "Eisernen Vorhang" eben immer gefährlich war.

Körners Vortrag war ein Beitrag zu der an der LMU installierten Bavaristischen Ringvorlesung, die im Wintersemester 2000 ihren Auftakt nahm und ihr Ziel, ein breites Publikum mit der Geschichte Bayerns vertraut zu machen, voll und ganz erreichte. Schon bald nach dem Start galt die Ringvorlesung als "die beliebteste Geschichtsstunde Münchens". Häufig war das Auditorium Maximum der LMU überfüllt, weil es die meisten Referenten verstanden, den Zuhörern seriöse wissenschaftliche Kenntnisse zu vermitteln, ohne auf unterhaltsame Details zu verzichten. Nach mehreren erfolgreichen Staffeln fand die Reihe im Wintersemester 2012 ihren Abschluss. Sämtliche Ringvorlesungen wurden schriftlich fixiert und in schönen Sammelbänden ediert. Nun ist nach längerer Verzögerung der siebte und letzte Band erschienen, der den Titel "Eine Reise durch Bayern" trägt und unter anderem auch Körners Vortrag über Furth im Wald enthält. Insgesamt lädt das Buch zu 23 Routen quer durch die bayerische Geschichte ein. Sie führen zu Orten, an denen zu ganz unterschiedlichen Zeiten entweder erstaunliche Ereignisse stattfanden oder zukunftsweisende Entwicklungen ihren Anfang nahmen. Zu den Reisezielen zählt zum Beispiel Scheyern, wo Michael Stephan, der frühere Leiter des Münchner Stadtarchivs, den "Anfängen des Hauses Wittelsbach" nachspürte. Mit dem "europäischen Erinnerungsort" Flossenbürg befasst sich Jörg Skriebeleit, der Leiter der dortigen KZ-Gedenkstelle. Dem "Glanz der Dürerzeit" in Nürnberg widmet sich Archivdirektor Peter Fleischmann. Das Thema "Salz und Salzhandel seit dem frühen Mittelalter" beleuchtet der Historiker Hermann Rumschöttel am Beispiel von Bad Reichenhall. In Bad Tölz spürte der an der Uni Regensburg tätige Jörg Zedler dem Thema "Heimatschutz im ausgehenden 19. Jahrhundert" nach. Und Axel Drecoll, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, begab sich auf den Obersalzberg, um sich den dort praktizierten Strategien der "Erinnerungspolitik" zu widmen. Wilhelm Füßl, Archivleiter des Deutschen Museums, erörtert die Stellung des Walchensee-Kraftwerks "zwischen Technikeuphorie und Naturzerstörung".

Natürlich kennt man viele dieser Orte und deren Bedeutung, aber man merkt bei der Lektüre sehr schnell, dass einem vieles in dieser analytischen Tiefe nicht bewusst war. Die mittlerweile gestorbene Landeshistorikerin Gertrud Diepolder sagte einmal, die Ringvorlesung sei das reinste trojanische Pferd, mit einem reißerischen Titel würden die Leute in den Hörsaal gelockt, wo man sie dann mit harten wissenschaftlichen Fakten zur bayerischen Geschichte traktiere. Aber die Fakten waren so attraktiv aufbereitet, dass die Besucher nicht genug davon bekamen. Dementsprechend sind die daraus hervorgegangenen Bände für jene, die sich für die Geschichte Bayerns interessieren, ein unverzichtbarer Begleiter geworden.

Eine Reise durch Bayern. Bavaristische Ringvorlesung, hrsg. von Katharina Weigand, 548 Seiten, Utzverlag, München 2020, 39 Euro.

© SZ vom 27.01.2021
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