bedeckt München 13°
vgwortpixel

Kulturgeschichte:Abkehr vom Saurausch

Oktoberfest 2015 - General Features Day 1

Biertrinken gehört in Bayern zur Kulturgeschichte - bis heute.

(Foto: Getty Images)

Einst lobten sogar Preußen die "tüchtigen Biertrinker" aus Bayern. Doch das Image des Exzesses hat über die Jahrhunderte gelitten. Wie konnte das passieren?

Heutzutage ist die Grenze zwischen dem Trinken und dem Saufen, nun ja, fließend. Früher war das anders, da gab es die "Rauschtafel", die in der Wirtstube an der Wand hing und dem bayerischen Bierkonsumenten anzeigte, wie viel er trinken muss, um auch wirklich besoffen zu sein. Einen "Suff" hatte Mitte des 19. Jahrhunderts, wer laut Rauschtafel 78 Kreuzer in Bier investiert hatte, was sehr genau 13 Litern entsprach.

Alles drunter war nie und nimmer ein Suff, das war höchstens ein "Spitz", ein belangloser "Dusel", ein lächerlicher "Brummer". Insgesamt 28 Rauschzustände kannte die Tafel, die beim "Suff" nicht aufhörte, denn nach dem Suff kam der "Rausch", dann der "Fetzenrausch", irgendwann der "Kanonenrausch" und ganz am Schluss, nach der 25. Mass Bier, da kam der finale "Saurausch". Herzlichen Glückwunsch!

Quiz Oans, zwoa, grätselt!
Quiz
Bier-Quiz

Oans, zwoa, grätselt!

Elf Flaschen passen in einen kleinen Träger, elf Fragen in dieses Quiz. Raten Sie mit: Was wissen Sie über Bier?

Natürlich war die Rauschtafel nicht ganz ernst gemeint. Die Tafel war dazu da, die Wirtshausgäste zum Lachen zu bringen. Früher gab es die Rauschtafel, heute gibt es Spaß-T-Shirts, auf denen semilustige Sprüche stehen wie "Spart Wasser, trinkt Bier" oder "Wo saufen eine Ehre ist, kann Kotzen keine Schande sein". Zu den Spaß-T-Shirt-Trägern gehören zum Beispiel die Junggesellenabschieds-Horden, die an den Wochenenden mit traglweise Bier im Gepäck mit der Bahn in die bayerischen Großstädte fahren und schon hackedicht sind, bevor sie am Hauptbahnhof ankommen. Diejenigen, die das Saufen verklären, gab es also damals wie heute. Und trotzdem: Die Einstellung zum Bierrausch hat sich gewandelt.

Streng genommen hat dieser Wandel Ende des 18. Jahrhunderts begonnen - und setzt sich bis heute fort. In der Zeit vor dem 18. Jahrhundert war es noch unüblich, mit Verachtung auf diejenigen runterzuschauen, die sich exzessiv volllaufen ließen. Im Gegenteil, es war ja gerade die höhere Gesellschaft, die sich im Wirtshaus ein Bier nach dem anderen reinstellte. Aus einem einfachen Grund: Die meisten Leute waren arm und ein ordentlicher Fetzen hat schon damals ein ordentliches Geld gekostet. Exzessiver Bierkonsum war denen vorbehalten, die sich den Rausch leisten konnten.

Dazu kam, dass die Menschen wenig darüber wussten, wie schädlich der Alkoholexzess sein kann. Manche waren vielmehr der Meinung, das Bier sei dermaßen gesund, dass man nicht genug davon trinken könne. Der oberfränkische Politiker Ignaz Rudhart (1790-1838) zum Beispiel, der "das kräftige Aussehen und die genußlustige Heiterkeit der Bayern" für den Beweis hielt, "dass das gute Bier günstig auf die Gesundheit wirkt".

Und selbst ein Preiß' wie der Berliner Schriftsteller Friedrich Nicolai schrieb im Jahr 1781 über die Bayern, dass sie "tüchtige Biertrinker" seien, "wie auch ihre starken Knochen, runden Köpfe und feisten Wämse genugsam zeigen". Eine Beobachtung, die man auch heute noch machen kann - nur beneidet heute halt keiner mehr die rundköpfigen, feistwämstigen Bierdimpfln um ihre angeblich so starken Knochen.

Bier Kreatives Brauen in Bayern unerwünscht
Bier

Kreatives Brauen in Bayern unerwünscht

Wenn das Reinheitsgebot ihn weiterhin ausbremst, will der Truchtlachinger Bräu nach Österreich umziehen.   Von Matthias Köpf

Mit dem Fortschreiten der Aufklärung geriet der Suff dann allmählich in Misskredit. Statt Alkoholexzessen war nun gemäßigter Konsum angesagt, das passte ins aufklärerische Leitbild der Tugend und Vernunft. Außerdem entlarvten die Mediziner nach und nach den Mythos, dass Bier gesund sei. Dies sei "eine der verhängnisvollsten Lügen und Thorheiten, die je von Menschen erdacht wurden", schrieb Ende des 19. Jahrhunderts der Münchner Mediziner Hans Buchner (1850-1902).

Zur SZ-Startseite