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Judentum:Regensburg bekommt ein neues jüdisches Zentrum

Das neue Jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge wird in der Regensburger Altstadt entstehen.

(Foto: Staab Architekten (Simulationen))
  • 500 Jahre nach der Zerstörung der alten Synagoge in der Regensburger Altstadt wird dort nun ein neues Gemeindezentrum enstehen. Ende Februar 2019 soll es eröffnet werden.
  • Die bisherigen Gemeinderäume waren zu klein geworden für die knapp 1000 Gläubigen in Regensburg.
  • Der Neubau kostet geschätzt rund fünf Millionen Euro. Unterstützung erhält die Gemeinde vom Staat und der Stadt Regensburg.

Die Baugrube klafft wie eine offene Wunde in der Regensburger Altstadt. Hier, am Brixener Hof, wo in der Pogromnacht 1938 die Nazis die alte Synagoge niederbrannten, wird nun das neue Jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge entstehen. Der Grundstein wird an diesem Mittwoch gelegt, danach werden die Arbeiter hinter den Bauzäunen damit beginnen, die Wunde nach und nach zu schließen. Es gehe "ein Traum" in Erfüllung, sagt Ilse Danziger, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Regensburg. Sie freut sich darauf, dass das jüdische Leben in der Stadt endlich "wieder sichtbar" wird.

Rückblick auf die älteste jüdische Gemeinde Bayerns

Läuft alles nach Plan, wird sich Ende Februar 2019 ein Kreis schließen. Dann soll die neue Synagoge eingeweiht werden - genau 500 Jahre nachdem das jüdische Leben in Regensburg zum ersten Mal ausgelöscht worden war. Damals, am 21. Februar 1519, beschloss die Stadt, alle Juden aus Regensburg zu vertreiben. Kurz danach wurde das jüdische Viertel samt Synagoge zerstört. Am Neupfarrplatz, wo das Gebetshaus gestanden hatte, erinnert seit elf Jahren ein Denkmal des israelischen Künstlers Dani Karavan an das jüdische Stadtleben vor 1519: ein Bodenrelief aus weißen Granitblöcken, die den Grundriss und die Fundamente der ersten Regensburger Synagoge nachzeichnen.

Im Innenraum der Synagoge ist der Kontrast zwischen Beton und transparentem Aufbau mit lichtdurchlässigen Holzlamellen gut zu erkennen.

(Foto: Staab Architekten (Simulationen))

Zum Vergleich: Als die Synagoge 1227 fertiggestellt worden war, hatte der Bau des Regensburger Doms noch nicht einmal begonnen. Die Gemeinde in Regensburg ist die älteste jüdische Gemeinde Bayerns und galt im Mittelalter wegen ihrer Hochschule als einflussreiches Zentrum jüdischer Lehre. "Wenn wir keine neue Gemeinde bekommen würden, dann würde das jüdische Leben ganz einfach absterben. Für Regensburg wäre das mehr als eine Schande", sagt Ilse Danziger.

Die bisherigen Gemeinderäume, die Ende der Sechzigerjahre auf dem Boden der zerstörten Synagoge errichtet wurden, waren zu klein geworden für die knapp 1000 Gläubigen in Regensburg. Trotz der beengten Fläche wollte die Jüdische Gemeinde aber nicht raus aus der Altstadt, sondern an der selben Stelle neu bauen. Man wollte das "sakrale Dreieck" aus katholischem Dom, evangelischer Neupfarrkirche und Jüdischem Gemeindezentrum unbedingt erhalten.

Die Herausforderung für die Architekten war es also, der Jüdischen Gemeinde auf einer nach wie vor kleinen Fläche mehr Platz zu verschaffen, als vorher da war. Erschwerend hinzu kam, dass die Architekten sich an die Vorgaben der Unesco halten mussten, die ganz genau hinschaut, wenn in Welterbe-Städten neu gebaut wird. In einem Wettbewerb setzte sich am Ende das Berliner Architekturbüro Staab durch, das im vergangenen Jahr den Zuschlag für das neue Bauhaus-Museum in Berlin erhalten hat. In Bayern haben die Staab-Architekten unter anderem den Plenarsaal des Bayerischen Landtags neu gestaltet und das Neue Museum Nürnberg entworfen.

Was nun den Neubau in Regensburg angeht, haben sich die Planer offenbar ganz der modernen Synagogenarchitektur in Deutschland verschrieben. Der Kontrast zwischen Betonsockel und transparentem Aufbau mit lichtdurchlässigen Holzlamellen kann als Metapher gelten für die Pole zwischen denen das jüdische Leben in der Vergangenheit immer wieder schwankte: Stabilität und Fragilität. Die Transparenz der Kuppel signalisiert zudem Offenheit gegenüber Andersgläubigen. "Niemand soll denken, das ist eine Festung, in die man nicht rein kann", sagt Ilse Danziger.

Die Gemeinde möchte allen Interessierten den Zugang ermöglichen

Ausdrücklicher Wunsch der Gemeinde war es deshalb auch, dass der vordere Bereich im Erdgeschoss des Zentrums für jedermann zugänglich ist. Vom Eingangsbereich können Besucher ohne Sicherheitskontrolle in die Bibliothek gehen, in die ein kleines Café integriert werden soll. Erst hinter der Bibliothek beginnt dann der Sicherheitsbereich. Dort befindet sich unter anderem der Gemeindesaal, in dem an Feiertagen gemeinsam gebetet und gegessen werden kann. Der Saal bietet Platz für 200 Menschen und damit für rund doppelt so viele wie bisher. Die Synagoge wiederum liegt im Obergeschoss des Neubaus. Durch die Holzlamellen der Kuppel fällt das Tageslicht etwas gedämpft in den mehr als zehn Meter hohen Raum mit Frauenempore. Der Thora-Schrank, das Gebetspult, die Bänke, fast alles ist hier aus Holz.

Der Neubau kostet geschätzt rund fünf Millionen Euro, dazu kommen 2,5 Millionen für die Sanierung jener Gemeinderäume, die stehenbleiben und in den Neubau integriert werden. Ein Betrag, den die Jüdische Gemeinde nur mit Hilfe des Staates und der Stadt stemmen kann. Der Freistaat unterstützt die Sanierung finanziell, der Bund wiederum erklärte das Zentrum zum nationalen Städtebauprojekt und macht dafür 3,3 Millionen Euro locker, den Rest zahlt die Stadt. Für Oberbürgermeister Joachim Wolbergs (SPD) eine Selbstverständlichkeit: "Mit der ideellen und finanziellen Unterstützung des Synagogen-Neubaus geben wir unserer jüdischen Gemeinde das zurück, was vor beinahe acht Jahrzehnten von Regensburger Bürgern zerstört worden ist. Ich finde, dass dies das Mindeste ist, war wir tun können."

© SZ vom 19.10.2016/eca

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