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Innerdeutsche Grenze:Der Junge, der durchs Minenfeld krabbelte

Selbstschussanlage - Ermittlung gegen Gedenkstätte

Blick auf einen stark gesicherten Abschnitt an der innerdeutschen Grenze nahe Hof/Saale in Oberfranken (Archivbild).

(Foto: picture-alliance/ dpa)

An den 25. August 1963 erinnert sich Alfred Schulz genau. Der Tischler aus Neustadt bei Coburg findet ein verirrtes Kind mit ein paar Schrammen. Niemand im Ort vermisst es. Da stellt sich heraus: Der Zweijährige kommt aus der DDR.

Interview von Olaf Przybilla

Am 25. August 1963 machte Alfred Schulz aus dem oberfränkischen Neustadt bei Coburg eine merkwürdige Entdeckung. Unweit der deutsch-deutschen Grenze stand vor ihm ein Kind in leicht zerrissener Kleidung. Der heute 75-Jährige erinnert sich an einen denkwürdigen Tag.

SZ: Herr Schulz, wie war das an diesem Tag im Sommer 1963, was haben Sie als Erstes wahrgenommen?

Alfred Schulz: Meine Frau und ich waren am frühen Nachmittag mit dem Kinderwagen zu Freunden nach Wildenheid unterwegs, unser Sohn war damals fünf Monate alt. Wir gehen durch eine Bahnunterführung, dort also, wo heute wieder die Gleise ins thüringische Sonneberg verlaufen. Danach sehen wir einen kleinen Jungen. Er trug nur einen Schuh, ich weiß noch, wie ich zu meiner Frau sage: Was ist denn mit dem Kind los? Da stimmt doch was nicht.

An was dachten Sie?

Ja, was denkt man da? Am Kopf hatte das Kind eine kleine Schnittwunde, nichts großes, aber eben doch deutlich erkennbar. Natürlich fragt man erst mal nach dem Namen. Aber das Kind bekam kaum ein Wort heraus, wir glaubten, was von "da da" zu verstehen, möglicherweise Peter? Auf jeden Fall sag' ich zu meiner Frau: Der ist von zu Hause ausgebüxt. Gibt in Neustadt so eine Siedlung, von da hätte der Bub kommen können. Oder eben aus Wildenheid.

Also dorthin?

Das Kind hat ja immer zum Bahndamm gedeutet und "da da" gesagt. Also hab ich ihn auf die Schulter gesetzt und bin zu dem Damm, vielleicht sucht er ja seinen Schuh, dachten wir. Also wir an dem Bahndamm entlang. Treffen einen Lehrer, der vermisst kein Kind. Fragen uns in halb Wildenheid durch, keiner hat den Bub je gesehen. Da wird einem schon anders. Immerhin: Es gab im Ort eine Spielwarenfabrik, danach hatte das Kind wenigstens einen Teddybär. Anschließend wurde das Kind von der Polizei abgeholt. Am Abend haben wir nachgefragt: Was ist jetzt mit dem Bub?

Die wussten schon was?

Sie hatten eine Vermutung. Ich weiß noch, wie der Polizist zu mir sagt: Wir vermuten jetzt, dass der Junge aus dem Osten ist. Und um genauer zu sein: dass der Bub irgendwie über das Minenfeld und durch den Grenzzaun gekrabbelt ist.

Wie kommt man auf so was?

Die hatten den Bub ausgezogen und betrachtet, Teile seiner Kleidung waren ja zerrissen. Und hinten an der Strickjacke finden sie ein Etikett: Die Kleidung war von einer Fabrik aus Apolda. Aus Thüringen.

Klingt wie ein ziemlich alberner Film.

Oh ja. Dazu kam, dass die bayerische Grenzpolizei inzwischen mit Lautsprecherdurchsagen nach den Eltern gesucht hatte. Und das haben die drüben offenbar gehört. Und dort wurde ja ein Bub vermisst.

Im Mai 2013 trafen Alfred und Christa Schulz (rechts im Bild) letztmals den Mann, den sie 50 Jahre zuvor am Bahndamm in Obhut genommen hatten.

(Foto: Christoph Scheppe)

Der Bub galt dort als verschollen?

Es muss so gewesen sein: Der Bub, zweieinhalb Jahre alt, war mit einem Verwandten zu Besuch auf der Kirchweih im thüringischen Hönbach, nicht weit entfernt von der Grenze. Und auf dem Fest ist das Kind irgendwie zwischen den Schaustellerwagen ausgebüxt, warum auch immer. Dann offenbar in Richtung Grenze gelaufen. Und dort durchs Minenfeld gekrabbelt.

Kaum vorstellbar.

Ich erklär mir es so: Im Ort Muppberg, wo der Bub herkam, gab es auch einen Bahndamm. Vielleicht hat er den gesucht oder gedacht, dass am Damm Mama und Papa wohnen. Aber angekommen ist er im Westen. Dass er die Überquerung überlebt hat, bis auf ein paar Kratzer, grenzt an ein Wunder. Aber möglich war es: Die sogenannte Mauer war bei uns zu der Zeit ein Stacheldrahtzaun, an Betonpfählen befestigt.

Wie ging es dann weiter?

Der Bub kam für zwei Nächte ins Kinderheim nach Coburg und wurde danach mit dem Interzonenzug in die DDR zurückgefahren. Neu eingekleidet.

Haben Sie Kontakt gehalten?

Klar, es gab viele Briefe, Päckchen, und etwa 20 Jahre, nachdem wir den Bub gefunden haben, waren wir auf seine Hochzeit eingeladen. Irgendwann ist es dann eingeschlafen. Heute redet er nur noch ungern darüber. Ich verstehe es: Irgendwann geht einem das Wort vom "Findelkind", vom "jüngsten Republikflüchtling" wohl auf die Nerven. Denn er war ja kein Flüchtling, sondern ein verirrter Bub. Der noch dazu kaum mehr Erinnerungen daran hat.

Haben Sie später auch den Mauerfall dort in Neustadt bei Coburg erlebt?

Erlebt? Ich habe ihn ja quasi mitgemacht. 1963 war ich Tischler, später wurde ich bayerischer Grenzpolizist. Ich weiß noch, wie plötzlich das Gerücht umging: Die Grenze wird geöffnet. Ich hatte frei an dem Tag und dachte mir: Ach, fährste mal mit dem Rad raus, vielleicht tut sich ja was. Kommen mir zwei Kollegen entgegen und sagen: Mach fei schnell, du musst Dienst am Grenzübergang Rottenbach machen, hier ist der Teufel los. Das Händedrücken, die Sektflaschen, den Trabigestank während dieses Dienstes werd' ich nie vergessen.

Bekommt man mit, dass da gerade Weltgeschichte geschrieben wird?

Ja, das habe ich realisiert in der Situation. Aber wohl nicht jeder. Ich erinnere mich an einen Wartburg mit voll beladenem Anhänger. Der kommt direkt auf den Übergang zu, wo immer der kleine Grenzverkehr abgewickelt wurde. Sagt ein Zollbeamter allen Ernstes zu mir: Was ist denn mit dem? Den müssen wir doch kontrollieren! Ich frage zurück: Weißt du nicht, dass wir gerade Geschichte erleben? Ich habe den dann gefragt, was er da auf seinem Anhänger herumfährt. Er hatte einen Ausreiseantrag gestellt. Um die Mittagszeit waren Amtsleute zu ihm gekommen: Binnen zwölf Stunden hatte er die DDR zu verlassen.

© SZ vom 06.11.2014/infu

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