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Ingolstadt:Gestatten, Platinenputzer

Bertha-Kipfmüller-Straße 48, Rundgang im neuen Elektronikzentralwerk der Bahn, wo die Elektronik aller Personenzüge repariert wird.

Unscheinbar sind Platinen, aber schon ein Staubkorn kann ein Gerät lahmlegen.

(Foto: Florian Peljak)

In elektronischen Bauteilen kann schon ein einziges Staubkorn für großen Ärger sorgen: Harald Wack hat sich auf die Reinigung spezialisiert. Viele Konkurrenten gibt es nicht. Ein Besuch.

Von Maximilian Gerl, Ingolstadt

Harald Wack dreht die Platine hin und her. Die Platte ist bestimmt 30 Zentimeter lang, sie könnte in einer Computeranlage verbaut sein, aber jetzt muss sie als Anschauungsmaterial herhalten. Auf ihrer Oberfläche sind Bauelemente angebracht, kleine Türme, große Türme, alles elektronische Steuerungseinheiten.

Wack deutet auf den kaum sichtbaren Spalt zwischen der Platine und einem Element. Wenn dort Dreck hineingelange, bestehe die Gefahr, dass es zu einem Kurzschluss komme, sagt er. Schon ein Staubkorn könne ausreichen. "Ein Flugzeug, das in der Luft den Geist aufgibt - das wollen Sie nicht." Das Problem: "Um in diesem Spalt sauber zu machen, müssen Sie erst mal hineinkommen."

In die kleinsten Lücken hinein zu kommen - das hat Wack perfektioniert. Er ist Platinenputzer. Ein ungewöhnliches, unscheinbares Geschäftsmodell. Ebenso unscheinbar ist der Sitz seiner Firma Zestron in einem Ingolstädter Gewerbegebiet, zwei Gebäude, zwei Lagerhallen, die Kantine kleiner als in manchem Hotel der Frühstücksraum. 250 Mitarbeiter beschäftigt die Wack-Gruppe weltweit, der Umsatz bewegt sich auf 50 Millionen Euro zu.

Auf den ersten Blick nicht viel für einen Weltmarktführer, aber es reicht, um Erster in einer Nische zu sein. "Für die Großen ist der Umsatz zu klein", sagt Wack. "Für die Kleinen sind die Eintrittsbarrieren in den Markt zu hoch." Also putzt er die Platinen der Kleinen und der Großen. Zu Letzteren zählen Konzerne wie Apple oder Samsung.

Platinen sind das Herzstück jeder Elektronik. Ob in Flugzeugen oder Autos, Handys oder Fernsehern, Maschinenanlagen oder Computern - überall steuern sie wichtige Prozesse. Die Palette der Produkte und Anwendungsgebiete ist breit. Die Palette der Platinenputzer dagegen ist klein. Auf der ganzen Welt gibt es nur eine Handvoll Firmen, die sich auf solche Reinigungsprozesse für die Elektronikindustrie spezialisiert haben.

Ein Raum voller Spülmaschinen

Um zu verstehen, wie Harald Wacks Geschäftsmodell mit der Sauberkeit funktioniert, muss man ihm in ein Gebäude mit gläsernem Eingang folgen. Es ist noch das auffälligste Gebäude auf dem unauffälligen Firmensitz. Wack, Jahrgang 1973, machte erst eine Banklehre, bevor er Chemiker wurde wie sein Vater Oskar Wack, der Firmengründer.

Über die Chemie sagt Harald Wack, er habe sie ursprünglich nur studiert, um sich selbst zu beweisen, dass er das Zeug dazu habe. Er habe nie geplant, ins Familienunternehmen einzusteigen. Als er nach dem Studium doch den Einstieg wagte, fragte er an seinem ersten Arbeitstag den Marketingchef: Du, was machen wir eigentlich? "Ich hatte keine Ahnung", sagt Wack.

Der erste Stock des Gebäudes beherbergt ein sogenanntes Technikum. Ein Test-Center, das es an jedem der weltweit sieben Zestron-Standorte gibt. In Ingolstadt ist es ein großer weißer Raum voller Spülmaschinen. Manche erinnern an die viereckigen Kästen, wie sie zum Spülen in Restaurantküchen stehen, nur mit Körben für Computerchips statt für Teller und Besteck.

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