Ein Mann der Tat:Der gute Kaufmann

Lesezeit: 2 min

Jakob Fugger wollte mit seiner Siedlung armen Arbeitern wieder auf die Beine helfen - und eine Portion Frömmigkeit schadete auch nicht

Von Florian Fuchs

Am 23. August 1521 stiftete Jakob Fugger, genannt "der Reiche", die Fuggerei. Er verpflichtete seine Nachfahren in der Stiftungsurkunde, auf ewig in den Häusern der Augsburger Jakobervorstadt bedürftigen Menschen ein Heim zu bieten. Die älteste Sozialsiedlung der Welt war gegründet, bis heute stellen sich aber die Fragen: Warum hat Jakob Fugger, der als einer der reichsten Menschen aller Zeiten gilt, die Fuggerei gegründet? Und warum haben seine Nachfahren sich tatsächlich 500 Jahr lang immer wieder bemüht, den Stiftungszweck so gut wie möglich umzusetzen - selbst über Kriege und die Mediatisierung hinweg?

Dietmar Schiersner kennt die Vorwürfe, dass es Jakob Fugger allein um sein Seelenheil gegangen sei und er sich quasi den Weg in den Himmel erkaufen wollte. Schließlich müssen die Bewohner der Fuggerei bis heute täglich drei Gebete in Gedenken an den Stiftungsgründer beten - zumindest steht es so in den Jahrhunderte alten Aufnahmeregularien. Der Gedanke des Ablasses aber, sagt der Geschichtsprofessor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, sei zu kurz gegriffen. Schiersner ist wissenschaftlicher Leiter des Fuggerarchivs. Aus der Stiftungsurkunde und den Gedenktafeln an den Eingängen der Fuggerei könne man natürlich einen religiösen Antrieb herauslesen, sagt er. Dieser aber stehe in der spätmittelalterlichen Frömmigkeitstradition. Säkulare, rein philantropische Stiftungen gebe es erst heute. "Er wollte etwas Gottgefälliges tun", sagt Schiersner. "Aber wir müssen ihn als Mann verstehen, der einen sozialen Blick auf die Stadt und das Gemeinwohl in Augsburg im Sinn hatte."

Fotos aus der Fuggerei Augsburg für die Bayern Redaktion. 

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Sophie

Selbst Kriege konnten der Fuggerei nicht derart schaden, dass sie die vergangenen 500 Jahre nicht durchgestanden hätte.

(Foto: Sophie Linckersdorff)

Als eine der größten Städte des Mittelalters gab es in Augsburg viele Menschen mit geringem Einkommen. Es habe damals im Trend der Zeit gelegen, sagt Schiersner, mit Armut anders umzugehen als bis dahin vielfach praktiziert. Unwürdige Bettler sollten marginalisiert werden. Auch Jakob Fugger wollte keine Almosen verteilen, die Bewohner sollten ihren Beitrag leisten. Der rheinische Gulden, die Jahresmiete, entsprach zur Gründung der Fuggerei etwa dem Wochenlohn eines Handwerkers. Die täglichen Gebete sollten aus Sicht Schiersners Dankbarkeit zeigen und auch die Erinnerung an den Stifter hochhalten. Hätte Fugger sozusagen kaufmännisch gedacht und möglichst viel für sein Seelenheil rausholen wollen, hätte er die Bewohner auf feste Zeiten zum Gebet verpflichten können. Ihm ging es stattdessen darum, dass die Bewohner durch die geringe Miete wieder auf eigenen Beinen stehen können und arbeiten gehen - wofür sie zeitlich flexibel sein mussten.

Dass die Fuggerei nach 500 Jahren noch besteht, sei teils Zufällen geschuldet, sagt Schiersner. Im Dreißigjährigen Krieg etwa brachen die Finanzen weg, weil die Tiroler Stände, bei denen das Geld angelegt ist, keine Zinsen mehr zahlten. Die Kapitalbindung der Stiftung wurde in eine Liegenschaftsstiftung umgewandelt, heute wird die Siedlung durch Walderträge und Eintrittsgeld erwirtschaftet. Die Form der Liegenschaftsstiftung ließ die Fuggerei gut durch folgende Kriege kommen, selbst durch die Nazizeit. Während der Mediatisierung wurden viele Stiftungen zentralisiert, die Fürsten Fugger-Babenhausen hatten mit dem König eine eigene Abmachung getroffen, die die Fuggerei rettete.

Fotos aus der Fuggerei Augsburg für die Bayern Redaktion. 

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Sophie

Alexander Erbgraf Fugger-Babenhausen.

(Foto: Sophie Linckersdorff)

"Die Gründergeneration hatte eine besondere Bindung zur Fuggerei", sagt Schiersner. Die folgenden 300 Jahre lief die Fuggerei mit, die entfernteren Nachfahren Jakob Fuggers zogen sich zurück. Anfang des 19. Jahrhunderts entdeckte die Familie wieder den Bezug zu der Einrichtung. Nach dem Zweiten Weltkrieg, während dem die Fugger nach einem Bombenangriff noch auf den Trümmern den Wiederaufbau der Fuggerei beschlossen, sei der Familie richtig bewusst geworden, welch ein Erbe sie da bekommen habe. "Die Fuggerei ist kein Job", sagt Alexander Fugger-Babenhausen, der die Stiftungen gemeinsam mit Vertretern der anderen Linien des Hauses führt. "Ich kenne sie, seit ich ein Kind bin. Da steckt schon viel Emotion drin."

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