Drohung Agilis-Bahn will den Zugverkehr in Bayern einstellen

Agilis-Züge wie dieser verkehren in Niederbayern und Oberfranken.

(Foto: David Ebener/dpa)

Denn das Unternehmen sieht sich in seiner Existenz bedroht, wenn es keinen Ausgleich für die Ausfälle durch Fernbusse erhält.

Von Andreas Glas, Regensburg

Es ist nur ein Nebensatz, aber ein Nebensatz mit Zündstoff. In einem Schreiben, das die Agilis GmbH an mehrere Landes- und Kommunalpolitiker verschickt hat und das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, klagt das private Eisenbahnunternehmen über seine schlechte wirtschaftliche Lage - "mit nicht kalkulierbarer Folge für die Erfüllung der Verkehrsverträge". Unterschrieben ist der Brief von den Geschäftsführern Dietmar Knerr und Markus Schiefer.

Die Agilis-Chefs sehen das Unternehmen offenbar so stark in seiner Existenz bedroht, dass sie zum letzten Mittel greifen, um sich gegenüber dem Freistaat zu behaupten: der Drohung, den kompletten Zugverkehr der Agilis-Bahn in Bayern einzustellen.

Der Hintergrund des Briefs ist ein seit langem schwelender Streit zwischen der Agilis GmbH und der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), einem hundertprozentigen Tochterunternehmen des Freistaats, das den Nahverkehr in Bayern plant und finanziert. Weil sich die Agilis GmbH im Konkurrenzkampf mit den Fernbusanbietern nicht ausreichend von der BEG unterstützt fühlt, fordert sie vom Freistaat höhere Zuschüsse. Der Freistaat wiederum scheint dafür keinen Anlass zu sehen und weigert sich offenbar, mehr Geld locker zu machen. Nun droht die Auseinandersetzung zu eskalieren.

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Wer den Streit verstehen will, muss die Anfänge des Deals zwischen der Agilis GmbH und dem Freistaat kennen: Im Dezember 2010 übernahmen die Agilis-Züge den sogenannten Regensburger Stern, in dessen Streckennetz liegen unter anderem die Städte Straubing, Landshut, Passau, Ingolstadt und Ulm. Ein halbes Jahr später kamen die oberfränkischen Nahverkehrsstrecken um Bamberg, Bayreuth, Coburg und Hof dazu. Als zuvor, im Jahr 2008, die Verträge zwischen der Agilis GmbH und der BEG geschlossen wurden, sei "in keiner Weise vorhersehbar und kalkulierbar" gewesen", dass die Bundesregierung fünf Jahre später das 70 Jahre alte Verbot für Fernbusse aufheben würde, klagen die Agilis-Geschäftsführer - und sind deshalb der Meinung, die öffentliche Hand müsse nun für einen finanziellen Ausgleich sorgen.

Nach SZ-Informationen kalkuliert die Agilis GmbH allein für den Regensburger Stern bis zum Vertragsende im Jahr 2024 mit einem Verlust von 38 Millionen Euro. Schuld daran sei neben vorgeschriebenen Ticketpreisen eben die Tatsache, dass immer mehr Fahrgäste zu den Fernbusanbietern mit ihren teils extrem niedrigen Ticketpreisen abwandern. In dem Schreiben an die Landes- und Kommunalpolitiker ist unter anderem die Rede von einem "Kannibalisierungseffekt", der sich bei der Agilis GmbH durch die Liberalisierung des Fernbusverkehrs bemerkbar mache.

Drohung als letztes Mittel

Um den Streit zu lösen, hat die Agilis GmbH der Bayerischen Eisenbahngesellschaft das Angebot eines Schiedsgerichtsverfahrens gemacht - doch diese habe abgelehnt. "Stattdessen wird Agilis auf den langwierigen und teuren Rechtsweg verwiesen", heißt es in dem Schreiben. Würde Agilis die BEG auf dem normalen Rechtsweg verklagen, könnte es mehrere Jahre bis zu einem Urteil dauern. So lange zu warten, kann oder will sich die Agilis GmbH nicht leisten - und überlegt nun offenbar, ihre Züge aus dem Verkehr zu ziehen.

Für den bayerischen Schienenverkehr hätte dieses Szenario weitreichende Folgen. Nach Angaben des Unternehmens fahren im Schnitt jeden Tag mehr als 30 000 Passagiere in den beiden Agilis-Netzen. Macht die Agilis GmbH ihre Drohung war, würden all diese Menschen, darunter Berufspendler und Schulkinder, in Zukunft vergeblich auf ihren Zug warten und müssten sich darum kümmern, ihr Ziel anderweitig zu erreichen.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft wollte sich auf SZ-Anfrage nicht zu dem Konflikt äußern. In dieser Woche sollen noch einmal Gespräche zwischen den Agilis-Chefs und dem zuständigen Staatssekretär stattfinden.