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Dorf muss Hochwasserschutz weichen:Die Macht des Wassers

Der Mann aus München hat bereits einen anderen Bauernhof in der Umgebung gekauft, die meisten Isarmünder werden ins benachbarte Moos ziehen. Die Gemeinde und der Landkreis haben ihnen großzügig Baurecht gewährt. Gerade für die Jüngeren bietet sich nun die Chance, die Häuser nach ihrem tatsächlichen Bedarf zu gestalten.

Der Abriss des ersten Hauses in Isarmünd hat nun begonnen. 

Erst herrschte Skepsis im Ort, ob man sich darauf einlassen solle. Bis einer sich vom Freistaat ein Angebot unterbreiten ließ. Sechs der sieben Hofbesitzer sind inzwischen darauf eingegangen, auch beim letzten sehe es gut aus, sagt Kühberger. Was ihm wichtig ist: "Alle Anwohner haben freiwillig entschieden." Über die Höhe des Kaufpreises will niemand etwas sagen. Nur so viel: Der Freistaat habe den Schätzwert des unabhängigen Gutachters nicht überschritten. Muk Bauer sagt: "So viel Geld gibt es nicht, dass man die Heimat aufgibt." Andererseits weiß auch er, dass sich die Zeiten ändern.

Bauer war der letzte Fährmann von Isarmünd, er kann sich gut erinnern, wie am Weihnachtstag 1961 nach einer Kollision mit einer Eisscholle das Fährseil riss, danach war Schluss. Er weiß, wie einst 70 Menschen im Ort lebten, als die Landwirte noch Dienstboten beschäftigten. Wie die Männer Karten spielten, die Frauen gemeinsam strickten oder wie getanzt wurde. "So einen Zusammenhalt hat's woanders nicht gegeben." Vor 25 Jahren haben sie ihr Haus schon einmal abgerissen, fast alles mit eigenen Händen, ein Gebäude anno 1783. Doch das war etwas anderes, sie blieben ja in Isarmünd. Nun wird auch Muk Bauer nach Moos ziehen, dieses Jahr oder nächstes, "wenn ich es noch erlebe".

Die Bauers haben über Jahrzehnte gelernt, mit der Gewalt des Wassers zurechtzukommen. Das Hochwasser im Juni hat allerdings auch sie beeindruckt. Zum ersten Mal überhaupt wurde der Damm überspült, Isarmünd musste als erster Ort im Landkreis Deggendorf evakuiert werden. Eines von ihren vier Hühnern ist in den Fluten ertrunken, erzählt Franziska Bauer. Wären nicht bereits oberhalb zwei Dämme gebrochen, Isarmünd wäre es wohl ergangen wie Fischerdorf, das metertief in den Fluten versank. Das Hochwasser habe viele in ihrer Entscheidung bestätigt, den Ort zu verlassen. Zwei Familien sind gar nicht mehr zurückgekommen, sondern in ihre halb fertigen Neubauten eingezogen.

Niederbayern

"Man hat Tränen in den Augen"

An einer Scheune hängt eine alte Ortstafel, als Isarmünd noch zum Landkreis Vilshofen gehörte. Auf einem Schild darunter steht: "Das sterbende Dorf." Etwa 25 bis 30 Höfe zwischen Straubing und Vilshofen sollen dem Beispiel von Isarmünd folgen, auch sie sollen dem Hochwasserschutz weichen. Die Eigentümer bekämen einen Kaufpreis zum Wert vor dem Hochwasser angeboten, auch hier hoffe man auf einvernehmliche Lösungen, sagt der Chef des Wasserwirtschaftsamtes. Isarmünd sei jedoch die größte Siedlung gewesen.

Franziska Bauer wischt gerade die Kapelle feucht durch. Tags darauf wird hier eine Andacht stattfinden, ein Mal im Jahr kommt der Dorfpfarrer. Die Kapelle wird das einzige Bauwerk sein, das als Erinnerung an Isarmünd überdauern wird. Geweiht ist sie dem Heiligen Nepomuk, dem Schutzpatron gegen Wassergefahren.