Deutsche Bahn ICE war womöglich Ziel eines gescheiterten Anschlags

Auf dem Streckenabschnitt um den mittelfränkischen Markt Allersberg fahren die ICE-Züge im Regelfall sehr hohe Geschwindigkeiten.

(Foto: Imago)
  • Auf der Schnellstrecke zwischen Nürnberg und München haben Unbekannte ein Drahtseil über die Schienen gespannt, das einen ICE beschädigte.
  • Nun ermittelt das Landeskriminalamt wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr.
  • Am Tatort fanden die Ermittler einen Drohbrief in arabischer Sprache, dessen Bewertung allerdings noch nicht abgeschlossen ist.
Von Uwe Ritzer, Nürnberg

Wenige Minuten zuvor hat der ICE 821 den Nürnberger Hauptbahnhof Richtung München verlassen, als gegen 23.15 Uhr ein merkwürdiger Schlag den Lokführer irritiert. Die Instrumente im Führerstand geben jedoch keine Warnsignale von sich und auch sonst funktioniert der Zug einwandfrei. Es ist jener Abschnitt auf der Schnellstrecke zwischen Nürnberg und München, auf denen ICE-Züge auf bis zu 300 Kilometer pro Stunde beschleunigen. Was der Lokführer und die Passagiere an jenem späten Abend des 7. Oktober 2018, einem Sonntag, nicht ahnen: Möglicherweise sind sie Ziel eines gescheiterten Anschlags geworden, der katastrophale Folgen hätte haben können.

Es ist gleich in mehrfacher Hinsicht ein mysteriöser Vorgang, der Fragen aufwirft und über den am Montag als erstes die Bild-Zeitung berichtet hat. Wer waren die Täter? Waren Spinner am Werk, politische Aktivisten oder womöglich sogar islamistische Terroristen? Dieser Verdacht keimt auf, als Ermittler ein Drohschreiben in arabischer Sprache finden. Nachdem es zuvor fast drei Wochen gedauert hat, bis die Sicherheitsbehörden überhaupt an Ort und Stelle ermittelten.

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Denn erst am vergangenen Mittwoch fanden Ermittler auf Höhe der fränkischen Kleinstadt Allersberg Reste eines Stahlseils, das ein oder mehrere Täter in jener Nacht Anfang Oktober über die Schienen gespannt hatten. Ebenso Eisenteile und Holzkeile, die der oder die Täter vermutlich zwischen die Gleise geworfen hatten. Und zwar vermutlich erst kurz bevor der Zug die fragliche Stelle passierte.

Der mehrere Hundert Tonnen schwere und obendrein schnelle ICE durchbricht das Hindernis. Planmäßig fährt der Zug, der viereinhalb Stunden zuvor in Essen gestartet war, weiter bis zu seiner Endstation, den Münchner Hauptbahnhof, wo er kurz nach Mitternacht ankommt. Dort inspiziert der Lokführer eingedenk des verdächtigen Geräusches auf der Strecke den Triebkopf und entdeckt eine Beschädigung an der Frontscheibe.

Vorschriftsgemäß meldet er den Schaden und den Vorgang sofort der zuständigen Stelle bei der Deutschen Bahn. Deren Techniker stellen kurz darauf einen Kurzschluss auf der Strecke fest und beheben ihn. Unklar ist, wie die Bahn-Experten den Vorgang einstuften. Und wann, wieso und bei wem schließlich der Verdacht aufkeimte, es könnte sich bei dem Schaden an der Frontscheibe nicht um einen kleinen Alltagsunfall, etwa durch Steinschlag, sondern um eine Straftat oder gar einen Anschlag gehandelt haben.

Erster Ansprechpartner in Sicherheitsfragen ist für die Bahn die Bundespolizei. Doch diese hat nach eigenen Angaben selbst erst am 24. Oktober von dem Vorfall erfahren. Inzwischen hat die bayerische Zentralstelle zur Bekämpfung von Extremismus und Terrorismus bei der Generalstaatsanwaltschaft München gemeinsam mit dem Landeskriminalamt (LKA) den Fall übernommen. Sie ermittelt wegen eines gefährlichen Eingriffs in den Schienenverkehr. Auch die Polizeipräsidien in Nürnberg und München sowie das Bundeskriminalamt und das Eisenbahnbundesamt sind eingeschaltet. "Wir nehmen den Vorgang sehr ernst und ermitteln in alle Richtungen", so ein LKA-Sprecher.

Erst bei einer zweiten Begehung des Tatortes am Freitag hatten Ermittler in einiger Entfernung von der ICE-Strecke wesentliche Fragmente eines in arabischer Sprache verfassten Drohbriefes gefunden. Zudem fiel ihnen ein Graffito mit ebenfalls arabischen Schriftzeichen an einem nahegelegenen Brückenpfeiler auf. Ob Letzteres in Zusammenhang mit der Tat steht, ist allerdings noch unklar. Das LKA richtete einen Aufruf an mögliche Zeugen, auffällige Beobachtungen zu melden. In dieser Woche soll der betreffende Streckenabschnitt noch einmal abgesucht werden.

Zentrale Bedeutung bei der Aufklärung und der Einordnung der Tat kommt dem Drohbrief zu, der in der Zwischenzeit ins Deutsche übersetzt wurde. Was dem Vernehmen nach nicht ganz einfach war, denn angesichts der langen Liegezeit im Freien und des enormen Sogs, den ICE-Hochgeschwindigkeitszüge entlang ihrer Schienen entwickeln, ist das ursprünglich am Tatort hinterlegte Schreiben beschädigt. Teile davon seien weit verstreut gefunden worden, heißt es. Einem LKA-Sprecher zufolge enthält der Brief lediglich "abstrakte Drohungen". Auch handele es sich nicht um ein Bekennerschreiben, wie es bei islamistischen Anschlägen üblich sei.

Was wiederum Terrorexperten an dieser Variante zweifeln lässt. Möglicherweise habe es sich um Trittbrettfahrer gehandelt, die den Verdacht auf arabische Attentäter hätten lenken wollen, hieß es. Eine Woche nach dem Beinahe-Unglück fanden in Bayern Landtagswahlen statt. Offiziell halten sich die Behörden mit Bewertungen allerdings zurück. "Die Bewertung des Drohschreibens ist noch nicht abgeschlossen", heißt es in einer Erklärung des LKA. Sie geschehe derzeit "unter anderem in enger Abstimmung mit der Operativen Fallanalyse", den sogenannten Profilern also, die dafür geschult sind, anhand von Spuren Täterprofile zu entwerfen.

Das LKA hat nach eigenem Bekunden "Warnungen in ganz Deutschland gestreut und die Bahn für solche Vorfälle sensibilisiert". Generell gilt die Eisenbahn als Verkehrsmittel, das naturgemäß vor Anschlägen schwerer zu schützen ist als etwa der Flugverkehr. Schließlich umfasst allein das Schienennetz in Deutschland 33 000 Kilometer. Eine lückenlose Überwachung der Strecken ist unmöglich.

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