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Bildung:Stress durch Wechselunterricht

Emotionale Erschöpfung und Symptome von Burn-out: Viele Lehrkräfte strengt ihrer Arbeit in Corona-Zeiten mehr an als sonst. Das hat verschiedene Ursachen

Von Felix Schwarz

Ein unübersichtliches Hin und Her, deutlich mehr Zeitaufwand und ein tiefes Gefühl von Unzufriedenheit - so beschreibt Monika Gerschütz, Grundschullehrerin im unterfränkischen Niederwerrn die Herausforderungen ihrer Arbeit in der Pandemie. "Im Winter war ich mit meiner Klasse im Distanzunterricht, nach Fasching im Wechselunterricht und dann wieder im Distanzunterricht. Das ist doch ein Verbrechen an den Kindern!", kritisiert die 49-Jährige.

Wechsel- und Distanzunterricht: zwei schnöde Begriffe mit hohem Frustrationspotenzial. In Niederwerrn praktizierte Gerschütz vor einigen Wochen eine Form des Wechselunterrichts, die zumindest die Schüler etwas entlastet. Nach drei Stunden Unterricht im Klassenraum wird eine Schülergruppe durch eine andere Gruppe abgelöst und lernt dann zu Hause weiter: "So sind alle Kinder einmal am Tag in der Schule und haben eine gewisse Struktur. Gleichzeitig bedeutet das für mich mehr Arbeit", sagt Gerschütz. Eine Gruppe den ganzen Tag zu Hause, die andere in der Schule - und das im täglichen Wechsel: Für Gerschütz wäre das eine unzumutbare Belastung. "Eine befreundete Kollegin dreht deswegen am Rad." Am Distanzunterricht stört Gerschütz, dass die Eltern teilweise noch bis 22 Uhr anrufen.

91 Prozent der Gymnasial- und Oberschullehrer in Bayern empfinden wegen des Distanzunterrichts in der Corona-Krise eine höhere Arbeitsbelastung als in normalen Zeiten, das geht aus einer im Januar veröffentlichten Studie des bayerischen Philologenverbands hervor. Doch oftmals bleibt es nicht bei erhöhtem Leistungsdruck. Das Ergebnis einer im Oktober veröffentlichten Studie vom Institut für Therapie- und Gesundheitsforschung in Kiel lautet: 28 Prozent der Lehrer sind deutlich emotional erschöpft und zeigen Burn-out-Symptome. Wie hoch ist die psychische Belastung für Lehrer in Bayern und was hat der Wechsel- beziehungsweise der Distanzunterricht damit zu tun?

Christa Glückert ist ärztliche Psychotherapeutin; in ihrer Privatpraxis in Erlangen sind 50 Prozent der Patienten Lehrer. Als eine Ursache sieht die 70-Jährige den Wechselunterricht an: "Gerade als sich zu Beginn des Wechselunterrichts fast wöchentlich die Regeln änderten, kamen viele Lehrer einfach nicht mehr alleine klar. Mittlerweile haben sie mehr Routine und Planbarkeit, aber der Wechselunterricht bleibt ein großer Stressfaktor." Dass vor allem die tägliche Rotation im Wechselunterricht überfordert, kann auch Glückert bestätigen. Ein weiteres Problem: Schüler zu unterstützen, deren Eltern sich kaum für ihr Kind interessieren, wird durch den Distanzunterricht deutlich schwieriger. "Die meisten Lehrer befinden sich noch nicht an ihrer Belastungsgrenze, sind aber nahe dran. Burn-out-Fälle kommen immer wieder vor", sagt Glückert. Eine Psychotherapeutin aus Nürnberg, die anonym bleiben will, betreut aktuell mehrheitlich Lehrer: "Wenn sowohl der Lehrer als auch sein eigenes Kind im Wechselunterricht sind, ist die Situation besonders belastend." Zu Krankschreibungen komme es aber selten: "Die meisten sind sehr pflichtbewusst und beißen sich durch."

Als Pressereferent des bayerischen Philologenverbands lehnt Benedikt Karl den Wechselunterricht keineswegs komplett ab, sieht aber enormes Verbesserungspotenzial. "Wir brauchen eine längere Vorlaufzeit, damit mehr Planungssicherheit herrscht." Zudem wünscht sich der Gymnasiallehrer im Landkreis Landshut mehr Einheitlichkeit: "Zwischenzeitlich war meine 12. Klasse im Präsenzunterricht, meine 11. Klasse im Wechselunterricht und die anderen Stufen im Distanzunterricht. Viele Lehrer stehen deswegen unter enormem Druck." Die Angst vor einer Infektion mit Covid-19 spiele ebenso eine große Rolle. Genaue Zahlen könne er nicht nennen, dennoch beobachtet Karl eine gestiegene psychische Belastung bei den Lehrkräften.

"Das anstrengendste Unterrichtsformat ist eindeutig der Wechselunterricht", so Simone Fleischmann vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV). Zudem hätte ihrer Ansicht nach das Kultusministerium viel früher den Lehrern ein Impfangebot machen müssen, um Infektionsängsten vorzubeugen.

Wechselunterricht ist in der Pandemie ein probates Mittel, wenn es lediglich temporär zum Zuge kommt, ist sich Jürgen Böhm, Vorsitzender des bayerischen Realschullehrerverbands, sicher: "Die Nerven bei den Lehrern liegen blank. Wechselunterricht funktioniert, ist aber sehr belastend. Präsenz- und Distanzunterricht finde ich langfristig besser."

Auf Nachfrage erklärt das bayerische Kultusministerium, dass es das Ziel sei, so viel Präsenzunterricht wie möglich stattfinden zu lassen. Zwar hätten die Lehrkräfte im Wechselunterricht weniger Zeit, dafür könnten die Lehrkräfte in der Präsenzphase durch die halbierte Klassenstärke intensiver auf die einzelnen Schülerinnen und Schüler eingehen. Nach den Angaben des Ministeriums stehen in Bayern flächendeckend rund 450 erfahrene Schulpsychologen und Beratungslehrkräfte zur Verfügung. Die Hilfsangebote sollen sukzessive ausgebaut werden, um die Gesundheit der Lehrkräfte zu fördern.

© SZ vom 21.05.2021
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