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Bildung:Piazolo lobt digitalen Fortschritt

Schulen kämen gut voran, sagt der Minister. Kritik kommt von Lehrern

Um die Digitalisierung an den Schulen sollte es am Dienstag in München gehen, eigentlich. Kultusminister Michael Piazolo (FW) zog zweieinhalb Monate nach der Ankündigung des "Digitalturbos" Bilanz. Aber das Ringen um die Deutungshoheit schwebte über allem: Piazolo hatte den Schulbeginn im Präsenzbetrieb als "gelungen" bezeichnet. Dagegen spricht Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbands, seit Wochen von "Notbetrieb", "völliger Überlastung" und "politischer Show". Fleischmann will am Mittwoch "die Realität vor Ort" aufzeigen, die wegen des "gravierenden Lehrermangels" völlig anders aussehe als von Piazolo dargestellt. Der Minister blieb betont ruhig und referierte Zahlen: Nie zuvor habe es so viele Lehrerstellen gegeben. 92 000 Stellen für 150 000 Lehrer, die fast alle besetzt seien.

Zahlen belegen für Piazolo auch, dass es voran geht mit der Digitalisierung: 91 000 Lehrer haben sich für Online-Kurse eingeschrieben, 70 000 haben sie schon abgeschlossen. 21 000 Lehrer machten Kurse in den Sommerferien, 3000 nutzen bereits die neuen, nachmittäglichen "E-Sessions" der Lehrerakademie. 38 000 der 50 000 avisierten digitalen Klassenzimmer sind eingerichtet, 90 Prozent des Budgets für Schüler-Leihgeräte sei bereits ausbezahlt. Die 20 000 vom Freistaat bezahlten Lehrergeräte sollen "zügig" folgen. "Digitalisierung ist nicht alles, aber bietet ungeahnte Möglichkeiten", sagte Piazolo.

"Das Ministerium hat erstaunlich wenig geschlafen", sagt auch ein digital affiner Lehrer, der Fortbildungen gibt und gut vernetzt ist. Er lobt das Konzept zum digitalen Distanzunterricht, nennt "E-Sessions" eine "einmalige Chance", viele Lehrer zu erreichen. Aber er ärgert sich über seine Zunft: Zu viele Lehrer wüssten nicht, dass es diese Konzepte gibt, weil sie sich nicht informieren. Und das Ministerium verlasse sich zu sehr auf die etablierten Rundmails an die Schulen, die Lehrer oft nicht erreichten. Der Pädagoge sieht ein "unfaires Ungleichgewicht" zwischen jenen, die Nachtschichten einlegen, und denen, die "im Lockdown den Garten gemacht haben". Letztere wehrten sich weiter gegen Digitalisierung und "wenn Klassen in Quarantäne müssen, sind alle überrascht und überfordert". Aber bald ist Schluss mit Wegducken: Virologen rechnen damit, dass Infektionszahlen und Quarantänefälle in Schulen deutlich steigen, dann muss Distanzunterricht überall klappen.

© SZ vom 07.10.2020 / angu

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