Volkshochschulen Von Algebra bis Zumba: "Jede Art der Weiterbildung ist für das Menschsein wichtig"

In den Achtzigerjahren gab es fast keine Volkshochschule, die nicht Aerobic im Programm hatte.

(Foto: Eva von Maydell/dpa)

Volkshochschulen vermitteln Wissen, das auch im Alltag seinen Platz hat. Die VHS Würzburg etwa feiert nun ihr 100-jähriges Bestehen. Ihr Programm hat sich seit der Gründung teilweise stark gewandelt.

Von Claudia Henzler, Würzburg

Albrecht Mendelssohn-Bartholdy, Enkel des berühmten Komponisten Felix, war ein weltläufiger Mann, der liberale Ansichten vertrat und sich schon in den Zeiten der Monarchie für Bürgerrechte einsetze. Die 15 Jahre, die er zwischen 1905 und 1920 in Würzburg verbrachte, haben die Stadt nachhaltig geprägt, denn Mendelssohn-Bartholdy war nicht nur Rechtsprofessor an der Universität, sondern auch einer der Gründungsväter der Würzburger Volkshochschule (VHS). Die feiert in diesem Jahr ihr hundertjähriges Bestehen und ist damit eine der ersten Volkshochschulen in Bayern, die im Gründungsboom nach dem Ersten Weltkrieg aus der Taufe gehoben wurden. Einzelne Vorläufer gab es schon vorher; so formierte sich der "Volks-Hochschul-Verein München e. V." bereits 1896.

Solche Vereine waren Privatinitiativen ohne staatliche Unterstützung, meist wurden sie von idealistischen Akademikern wie Mendelssohn-Bartholdy und seinem Kollegen Robert Piloty, einem späteren Landtagsabgeordneten, gegründet. Ihnen war es ein Anliegen, der breiten Bevölkerung Zugang zu Bildung und damit die Möglichkeit zum Aufstieg zu verschaffen.

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Einen ersten Anlauf hatten die Würzburger Professoren schon 1912 unternommen. Die königlichen Behörden ließen sich damals aber nicht davon überzeugen, dass ihre Untertanen mehr wissen müssten, als ihnen in ihrer siebenjährigen Volksschulzeit vermittelt wurde. Vor allem war ihnen wohl der demokratische Charakter des Vereins Volkshochschule suspekt, so hat es Werner Dettelbacher vermutet, der sich als ehemaliger Vorsitzender intensiv mit der Geschichte der Würzburger Volkshochschule befasst hat. Wenige Tage, nachdem im November 1918 der Volksstaat Bayern ausgerufen worden war, fand schließlich die Gründungsversammlung statt.

In den ersten Vorlesungsverzeichnissen der VHS Würzburg fanden sich Vorträge über Staatsbürgerkunde und Wahlsysteme, Theorien der Volkswirtschaft, Vererbungslehre, Christentum und Kommunismus. Es gab Sprachkurse und Unterricht für Kriegsheimkehrer, die ihren Schulabschluss nachholen wollten. Nach der Auflösung der Volkshochschulen unter der nationalsozialistischen Herrschaft und der zunehmenden Professionalisierung in den vergangenen vier Jahrzehnten unterscheiden sich die heutigen Volkshochschulprogramme davon nicht wesentlich: Das Angebot reicht von Vorträgen, in denen Teilnehmer ihre Allgemeinbildung verbessern können, bis zu Spezialkursen zur beruflichen Weiterbildung. Auch die Algebra darf da nicht fehlen.

Natürlich gab es auch ein paar Veränderungen. Vor allem der Siegeszug des Computers in den Achtzigerjahren schlug sich nachhaltig in den Programmheften nieder. Man könne den Beitrag der Volkshochschulen mit ihren Programmier- und Anwendungskursen gar nicht überschätzen, findet Stefan Moos, der heutige Leiter der VHS Würzburg. "Wir haben Deutschland digital alphabetisiert." 2015 kam eine weitere gewaltige Aufgabe hinzu: die Integrations- und Deutschkurse für Flüchtlinge.

Der Professor Albrecht Mendelssohn-Bartholdy strebte die umfassende Volksbildung an.

(Foto: Uni Hamburg/oh)

In den Achtzigern war auch die Aerobic-Welle in die Kursräume der Volkshochschulen geschwappt. Inzwischen sind Sport und Gesundheit in Würzburg neben Sprachen der Bereich mit den meisten Teilnehmern. Die VHS musste sich für solche Kurse allerdings immer wieder rechtfertigen. Dabei ging es selten um weltanschauliche Gründe, wie noch 1962, als die Stadt dem Yogakurs eine Turnhalle verweigerte, weil sie befürchtete, dass hier eine Ersatzreligion praktiziert werden könnte. Heute hält es nicht jeder für notwendig, dass die VHS Fitnesssportarten wie Zumba anbietet. Doch erstens kann Stefan Moos mit gut ausgebuchten Trendsportarten politische Vorträge quersubventionieren. Und zweitens beobachtet der VHS-Leiter, dass der Bedarf an Kursen zur Entspannung und Gesundheitsförderung steigt. "Viele Leute wollten in der immer stärker verdichteten Arbeitswelt lernen, wie man abschaltet", sagt Moos. Er halte nichts davon, Bildung in Nützlichkeitskategorien einzuteilen oder gar auf ökonomischen Nutzen zu reduzieren. "Jede Art der Weiterbildung ist für das Menschsein wichtig."

Der Landtag sieht das ähnlich. Mit dem Mitte Juli beschlossenen Gesetz zur Erwachsenenbildung haben die Parlamentarier Befürchtungen zerstreut, dass künftig nur noch gefördert werden könnte, was beruflich verwertbar ist. Im neuen Gesetz ist ausdrücklich aufgeführt, dass die Erwachsenenbildung "persönliche, gesellschaftliche, politische, sprachliche, gesundheitliche, kulturelle, religiöse, wirtschaftliche und berufliche Bereiche" umfasst. Ziel sei die Förderung der "Selbstverantwortung und Selbstbestimmung" des Menschen. Das ist für die Volkshochschulen relevant, weil sie nur für solche Angebote staatliche Zuschüsse bekommen, die in diesem Gesetz aufgeführt werden.

Zur allgemeine Volksbildung gehört heute zum Beispiel auch die Kalligrafie.

(Foto: Lukas Barth)

Mit der finanziellen Unterstützung vom Freistaat war der Bayerische Volkshochschulverband lange unzufrieden. Die Erwachsenenbildung hat in Bayern zwar seit 1946 Verfassungsrang, doch im bundesweiten Vergleich war die staatliche Förderung mager. 2017 und 2018 hat die Landesregierung das Budget für die Erwachsenenbildung auf Druck der Bildungsträger erhöht. Für 2019 hat der Landtag im Zuge der Gesetzesänderung eine weitere Anhebung angekündigt. Das Gesetz zur Erwachsenenbildung ist übrigens einer der seltenen Fälle, in denen alle Fraktionen einen gemeinsamen Entwurf eingebracht haben. Das zeigt, dass die Parlamentarier dem Thema Wert beimessen. Der Gesetzgeber setzt bei der Erwachsenenbildung auf Pluralität. Neben den Volkshochschulen werden mit etwa 30 Prozent der Zuschussmittel andere gemeinnützige Bildungsträger gefördert.

Da die Erwachsenenbildung nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zur kommunalen Pflichtaufgabe wurde, sind die meisten Volkshochschulen eng an die Städte und Gemeinden angebunden. In München und Nürnberg handelt es sich um personalstarke städtische Institutionen. Etwa 60 Prozent der bayerischen Volkshochschulen werden von Kommunen getragen. Im Schnitt finanzieren die Städte und Gemeinden 30 Prozent der VHS-Budgets.

Die Würzburger Volkshochschule blieb lange so unabhängig wie in den Gründungsjahren. Das hatte zur Folge, dass sie überdurchschnittlich stark auf Teilnehmerbeiträge angewiesen ist. Da sich vor einigen Jahren niemand mehr fand, der privat für ein Unternehmen mit drei Millionen Euro Umsatz haften will, sind Stadt und Gemeinden im Landkreis auch hier dabei, mehr Verantwortung zu übernehmen.

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