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Corona-Pandemie in Bayern:Leere Straßen, weniger Unfälle

Nahezu leere A8 bei München, 2020

Beinahe leer: die A8 bei München mit Blick nach Süden auf die Brecherspitze, fotografiert im April 2020.

(Foto: Florian Peljak)

Wegen der Corona-Pandemie sind 2020 viele Menschen daheim geblieben. Das wirkt sich deutlich auf die Unfallstatistik aus - nicht aber auf die Zahl der Raser.

Von Johann Osel

Die wegen der Pandemie geringere Mobilität auf Bayerns Straßen hat sich im vergangenen Jahr deutlich auf die Zahl der Unfälle und Verkehrstoten ausgewirkt. Laut der Verkehrsunfallstatistik 2020, die Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Donnerstag vorstellte, war der niedrigste Stand an Verkehrstoten seit Beginn der statistischen Unfallaufzeichnungen vor mehr als 65 Jahren zu registrieren. Demnach kamen bei Unfällen im Freistaat 484 Menschen ums Leben - das sind 57 weniger als 2019.

In der Zeitreihe des vergangenen Jahrzehnts lagen die Zahlen stets höher: zum Beispiel bei 618 (im Jahr 2018), 680 (2013) oder 780 (2011). Ein Unfall-Hotspot bleiben nach wie vor die Landstraßen außerorts. Die Polizei verzeichnete im vergangenen Jahr insgesamt 345 411 Unfäll; auch hierbei gibt es einen Rückgang. Ein ähnlicher Trend zeigt sich bei der Zahl der Verletzten; diese sank im ersten Jahr der Corona-Krise um 15 Prozent auf 57 179.

Das alles sei "zu einem großen Teil auf die Corona-Beschränkungen zurückzuführen", sagte Herrmann. "Denn es waren deutlich weniger Verkehrsteilnehmer auf den Straßen unterwegs." Doch auch Maßnahmen der Staatsregierung und das "vorbildliche Verhalten" vieler Bürger hätten die "erfreuliche Entwicklung" unterstützt; in der Infrastruktur, bei Aufklärung und Verkehrserziehung, aber auch wegen der Disziplinierung durch polizeiliche Kontrollen, Anzeigen oder Verwarnungen. Tatsächlich zeichnet sich über die Jahre unabhängig von der Pandemie ein zumindest leichter Rückgang etwa bei den Verkehrstoten ab. Möglicherweise werden die noch gültigen Corona-Einschränkungen die Statistik auch im laufenden Jahr beeinflussen.

Pandemiebedingt waren viel mehr Radler unterwegs. Sorge bereitet dem Innenminister daher die gestiegene Zahl an Radunfällen: Sie ist um 9,6 Prozent auf 19 212 und die Zahl der Verletzten um 11,1 Prozent auf 18 006 gestiegen. Gleichwohl waren weniger Radfahrer getötet worden (68). "Wir werden 2021 weiterhin hart daran arbeiten, die Verkehrssicherheit auf Bayerns Straßen zu erhöhen", kündigte Herrmann an. Besonders wichtig sei ihm, den Radverkehr noch sicherer zu machen. Dazu gehörten verstärkte Kontrollen, von Autofahrern wie "Radl-Rowdies".

Das Thema Verkehr samt sicherer Infrastruktur (sofern es nicht eben polizeilich relevant wird), ist - anders als früher - mittlerweile nicht mehr im Beritt des Innenministeriums, sondern obliegt Kerstin Schreyer (CSU), Ministerin für Wohnen, Bau und Verkehr. Sie hatte anlässlich ihrer Ein-Jahres-Bilanz im Amt mitgeteilt, ihr Herz schlage für die Wahlfreiheit. "Ich will den Menschen nicht vorschreiben, wann, wie und womit sie fahren. Straße, Schiene, Radwege - wir machen alle Verkehrsträger fit für die Zukunft, damit wir den unterschiedlichen Lebenssituationen gerecht werden."

Bei einer Anhörung im Landtag hatten jedoch Teile der Opposition und Vertreter der Fahrrad-Lobby Defizite etwa im Radwegnetz beklagt: "Sowohl die tatsächliche als auch die gefühlte Sicherheit fehlt oft und hindert viele Menschen daran, das Fahrrad zu benutzen", teilten etwa die Grünen mit. Im April stellen Herrmann und Schreyer gemeinsam ein "Verkehrssicherheitsprogramm 2030" vor.

Ebenfalls kritisch zur Sprache brachte der Innenminister Motorradunfälle. Trotz Pandemie sowie polizeilicher und straßenbaulicher Maßnahmen habe man einen Anstieg auf 125 (plus acht Prozent) zu verzeichnen; 127 Motorradfahrer sind gestorben. Jeder vierte Verkehrstote war also mit dem Motorrad unterwegs. "Das ist mehr als bedenklich." Demnächst werde man wieder Tipps für den Saisonstart geben und setze dabei stark auf Social-Media-Kanäle. Zu empfehlen seien zudem ein Frühjahrscheck der Motorräder und auch ein freiwilliges Fahrsicherheitstraining.

Positiv ist Herrmann zufolge, dass unter anderem Unfälle, an denen Kinder beteiligt waren, deutlich gesunken sind; der Heimunterricht in der Pandemie und der fehlende Schulweg sind hier offenbar maßgeblich. Durch die Rahmenbedingungen des vergangenen Jahres ließen sich Raser nicht einbremsen, im Gegenteil: Die Zahl der bei Geschwindigkeitsunfällen ums Leben gekommenen Menschen stieg sogar leicht, auf 147 Personen. Insgesamt ging jeder dritte Unfall auf zu hohes Tempo zurück. "Zu schnelles Fahren ist immer noch die Hauptunfallursache für tödliche Verkehrsunfälle", fasste Herrmann zusammen. Die Polizei werde Tempolimits "noch intensiver kontrollieren". 2020 gab es aus dem Grund übrigens 320 000 Anzeigen und 693 000 Verwarnungen. Auch Alkohol und Drogen am Steuer seien weiterhin ein Problem - und die Missachtung der Gurtpflicht. Jeder fünfte tödlich verunglückte Autoinsasse war nicht angeschnallt, laut Herrmann "vermeidbarer Leichtsinn".

© SZ vom 19.02.2021/kafe, van
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