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Bayern und die CSU:Ein Land, ein Widerspruch

CSU Confirms Seehofer As Lead Bavarian Election Candidate

Horst Seehofer bei seiner Bestätigung als CSU-Spitzenkandidat im Mai. 

(Foto: Getty Images)

Betreuungsgeld, Gehälteraffäre, das Festhalten am G8 und ein äußerst sprunghafter Vorsitzender: Die CSU kann anstellen, was sie will, die Bürger wählen sie trotzdem. Das jedenfalls lässt eine aktuelle Umfrage der SZ vermuten. Die Bayern neigen offensichtlich dazu, selbst jene Mächtigen mit Zuneigung zu belohnen, die dem Wohle des Landes eher schaden als nützen.

Die CSU hat das Trauma der Landtagswahl von 2008, bei der sie auf 43,4 Prozent abgestürzt war, halbwegs überwunden. Sie schwimmt in Bayern wieder obenauf, und nicht nur das. Die Partei kann anscheinend anstellen, was sie will.

Sie darf gegen den Willen ihrer Klientel am achtjährigen Gymnasium festhalten, das umstrittene Betreuungsgeld einführen, sich in Affären verstricken - die Bayern wählen sie trotzdem. Laut Umfrage dieser Zeitung kann die CSU derzeit mit 46 Prozent der Stimmen rechnen. Gewiss, vor zehn Jahren wären Ergebnisse unter 50 Prozent noch einem Weltuntergang gleichgekommen, aber zum Weiterregieren reicht diese Marke allemal. Womöglich schafft die CSU damit bei der Landtagswahl in drei Monaten sogar die absolute Mehrheit der Mandate, obwohl ihr SPD, Grüne und Freie Wähler mit zusammen 43 Prozent zumindest rechnerisch recht nahe gerückt sind.

Allerdings ist dieses Dreierbündnis ohnehin eine seltsame Allianz. Die Freien Wähler, von Haus aus Fleisch vom Fleische der CSU, laufen auf der Suche nach einem Koalitionspartner unübersehbar in eine andere Richtung als SPD und Grüne. Die Sozialdemokraten verharren mit 20 Prozent in der gewohnten Ohnmacht. Die Hoffnungen des mit großen Ambitionen gestarteten Münchner SPD-Oberbürgermeisters Christian Ude, die seit 1958 zementierte Hegemonie der CSU endlich zu brechen und das Amt des Ministerpräsidenten zu erobern, schmelzen dahin.

Ludwig II. hat die Souveränität Bayerns geopfert - das Volk liebt ihn

Dass die CSU Scherereien erstaunlich gut wegstecken kann, zeigt die jüngste Gehälteraffäre im Landtag. Obwohl diese in den Medien einen Sturm entfacht hat, reagiert die bayerische Bevölkerung mit einer Gemütsruhe, die sich höchstens zum Grant auswächst, aber weit entfernt ist vom Erregungspegel des Wutbürgers. Diese Gelassenheit ist zutiefst landestypisch. Seit jeher neigen die Bayern dazu, selbst jene Mächtigen mit Zuneigung zu belohnen, die dem Wohle des Landes eher schaden als nützen.

Von dieser Gunst zehrte schon Kurfürst Max Emanuel, der im 18. Jahrhundert Bayern gegen die Niederlande eintauschen wollte. Das Volk liebt auch König Ludwig II., der die Souveränität Bayerns geopfert hat, und es pflegt das Andenken an Ministerpräsident Franz Josef Strauß, der nationale Interessen jederzeit über bayerische Belange stellte. Der Historiker Reinhard Falter hat nicht Unrecht, wenn er daraus den Schluss zieht, das bayerische Volk verzeihe seiner Obrigkeit vieles, wenn nur die Ausstattung stimmt, und das gelte heute noch.

Die Frage, warum die Sozialdemokratie von den Affären und Schwächen der CSU nie profitieren konnte, führt direkt zu der These, dass die Bayern Neues nur dann akzeptieren, wenn es erkennbar besser ist als das Alte. Nach dem Trauma der Räterepublik von 1919 konnte der Sozialismus diesen Beweis in Bayern nie mehr führen. Der SPD-Gründer August Bebel muss dies früh geahnt haben, sonst hätte er seiner Partei nicht schon 1903 klargemacht, in München wandle keiner von ihnen auf Dauer ungestraft unter den Maßkrügen, und selbst die stolzesten Parteisäulen gingen nach einiger Zeit an der Isar zugrunde. Bebels Worte klingen noch heute hochaktuell.