Artenschutz:Jäger befürworten Auswilderung von Luchsen

Artenschutz: Im Steinwald in der Oberpfalz wurden in den vergangenen Jahren junge Luchse ausgewildert.

Im Steinwald in der Oberpfalz wurden in den vergangenen Jahren junge Luchse ausgewildert.

(Foto: Bayerische Staatsforsten)

Nach jahrelanger Ablehnung setzt sich der Jagdverband gemeinsam mit Naturschutzorganisationen dafür ein, dass in Bayern die Verbreitung der Raubkatzen aktiv vorangetrieben wird.

Von Christian Sebald

Wenn es um die Wiederausbreitung der streng geschützten Luchse in Bayern geht, hatten die Jäger bisher stets eine klare Position. Solange sich die kleine Population im Bayerischen Wald von alleine und ohne jedes Zutun von Naturschützern über die Grenzen der Region hinaus ausdehnt, geht das in Ordnung. Aktive Maßnahmen, also Freilassungen in Regionen, in denen bisher keine Luchse leben, haben die Jäger bisher kategorisch abgelehnt. Der Grund: Luchse fressen vor allem Rehe, das Hauptbeutetier der Jäger.

Viele Jäger wollten deshalb Luchse nicht in ihren Revieren dulden. Nun aber vollziehen sie und der Bayerische Jagdverband (BJV) einen Kurswechsel. Mit fünf Naturschutzorganisationen hat der BJV die Staatsregierung in einem Brief aufgefordert, aktive Ansiedlungen zu forcieren. Für den BJV hat Verbandsvize Eberhard von Gemmingen-Hornberg das Schreiben, das der Süddeutschen Zeitung vorliegt, unterzeichnet.

Aus der Sicht von Gemmingen-Hornberg gehören Luchse seit jeher zur heimischen Tierwelt in Bayern. Deshalb setzt sich der BJV-Vize, der in Friedenfels in der nördlichen Oberpfalz lebt und im Steinwald weitläufige Forste bewirtschaftet, schon seit vielen Jahren für die Wiederausbreitung der Luchse ein. So hat er dort an den einzigen Auswilderungen der vergangenen Jahre in Bayern mitgewirkt. Sie fanden eben im Steinwald und im Fichtelgebirge statt.

Es wäre aber zu einfach, den neuen Kurs des BJV auf Gemmingen-Hornbergs Luchs-Faible zurückzuführen. "Wir sind ein anerkannter Naturschutzverband", sagt er. "Deshalb sind wir verpflichtet, uns für den Luchs einzusetzen." So wie es das Naturschutzrecht der EU und Deutschlands vorsieht. Und wie es eben auch im bayerischen Managementplan Luchs aus dem Jahr 2008 verankert ist. "Ziel ist eine vitale Luchs-Population, die ihre Lebensräume selbst wählt. Sie besiedelt alle geeigneten Lebensräume in Bayern", lauten seine beiden obersten Leitsätze.

Zugleich hat eben dieser Managementplan bisher jede aktive Förderung der Luchse in Bayern unmöglich gemacht. Der Grund: Wenige Passagen nach den obersten Leitsätzen werden Auswilderungen nämlich kategorisch ausgeschlossen. "In Bayern ist weder eine Aussetzung noch eine Ansiedlung von Luchsen (...) vorgesehen", lautet der entscheidende Satz.

Experten erinnern sich noch gut daran, wie ihn der damalige Jägerpräsidenten Jürgen Vocke in den Schlussverhandlungen höchstpersönlich in den Managementplan hineingeboxt hat - mit der Drohung, der BJV werde das Papier ansonsten nicht unterzeichnen. Vocke habe sich darauf berufen, dass die große Mehrheit der BJV-Mitglieder aktive Luchs-Projekte nicht mitmachen würden, hieß es damals.

Von alleine aber kommt die kleine Population in Bayern nicht voran. Sie hat zuletzt etwa 70 erwachsene und 27 Jungtiere umfasst. Ein Hauptgrund für ihr Stagnieren ist, dass den extrem scheuen Raubkatzen bis in die jüngste Vergangenheit mit Gewehren, Gift und Schlingen illegal nachgestellt wird, sowie sie ihr Kerngebiet im Nationalpark Bayerischer Wald verlassen.

Artenschutz: Eberhard von Gemmingen-Hornberg ist Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbandes und setzt sich für die verstärkte Ansiedelung von Luchsen ein.

Eberhard von Gemmingen-Hornberg ist Vizepräsident des Bayerischen Jagdverbandes und setzt sich für die verstärkte Ansiedelung von Luchsen ein.

(Foto: privat)

"Der Managementplan ist in die Jahre gekommen", sagt Gemmingen-Hornberg, der im BJV-Präsidium für Naturschutz zuständig ist. "Er muss überarbeitet werden." Dabei soll es nicht nur um Ansiedlungsprojekte gehen. Sondern auch um illegale Tötungen und eine sehr viel bessere Öffentlichkeitsarbeit. Die Unterzeichner des Briefes an den Freistaat - außer dem BJV der Bund Naturschutz (BN), der Landesbund für Vogelschutz (LBV), der WWF und zwei weitere kleine Organisationen - wollen aber auch darüber verhandeln, dass in Luchsrevieren zumindest etwas weniger Rehe geschossen werden - damit die Raubkatzen und Jäger gleichermaßen Beute machen können. Letzteres ist ein heißes Eisen.

Fachleute sagen, dass in den bayerischen Wäldern aktuell so viele Rehe unterwegs sind, dass vor allem die jungen Laubbäume dort kaum Chancen haben, richtig zu wachsen. Denn die Triebe junger Laubbäume sind Leckerbissen für Rehe, die Tiere fressen sie immer wieder ab. Viele Förster fordern deshalb, mehr Rehe zu schießen. Eine Reduktion des Abschusses lehnen sie ab.

Beim Bund Naturschutz herrscht Freude über den Kurswechsel der Jäger. "Es ist sehr positiv, dass sich der BJV jetzt für ein modernes Luchsmanagement öffnet und Ansiedlungsprojekte unterstützt", sagt der Biologe und oberste Artenschützer der Organisation, Kai Frobel. "Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass wir ohne aktive Unterstützungsmaßnahmen eine vitale Luchs-Population niemals erreichen werden."

Der BN hat bereits im Sommer 2020 ein Auswilderungsprojekt in Nordbayern gefordert - genauer gesagt im Oberpfälzer Wald im Fichtelgebirge und im Frankenwald. Nach Vorstellungen des BN sollten in dem Mittelgebirgsbogen binnen zehn Jahren 20 Luchse freigelassen werden. Parallel dazu sollten weitere Projekte im Spessart und den bayerischen Alpen entwickelt werden. Damals war der Jagdverband nicht für eine Stellungnahme zu dem Projekt erreichbar.

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