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Wirtschaft:Mutmacher in Zeiten der Krise

Coronavirus - Zettl

Mitarbeiter des Automobilzulieferers Zettl produzieren Mundschutzmasken. Zusammen mit anderen bayerischen Firmen hat man inzwischen eine Lieferkette aufgebaut, in Weng läuft nun die Produktion zertifizierter FFP2-Masken.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

2020 war für viele Firmen in Bayern ein fürchterliches Jahr. Aber nicht nur und nicht für alle. Manche Betriebe haben Neues gewagt, trotz Krise investiert oder sich solidarisch gezeigt. Fünf Beispiele, die - hoffentlich - Mut für 2021 machen.

Von Maximilian Gerl

Die Auswirkungen der Corona-Krise haben Bayerns Wirtschaft 2020 hart erwischt: Viele Firmen klagten über Einbußen, Unternehmer fürchteten um ihre wirtschaftliche Existenz, Beschäftigte um ihre Jobs. Und doch finden sich in diesem Jahr zum Vergessen auch Lichtblicke. Denn manche Betriebe haben trotz allem viel Geld investiert, erfolgreich Neues gewagt oder einfach Solidarität vorgelebt. Fünf Beispiele, die bestenfalls Mut für 2021 machen:

Vom Sitzbezug zur Maske

Von einer "ganz interessanten Zeit" berichtet Reinhard Zettl am Telefon. Das könnte womöglich untertrieben sein. Bis zum Frühjahr war seine Zettl Group in Weng (Landkreis Landshut) als Automobilzulieferer bekannt, der Interieur-Teile in Kleinserie fertigt. Dann rutschten China und der Rest der Welt in die Corona-Krise, bald wurden Atemschutzmasken knapp. Als die Zettl Group deshalb vorschlug, eine Maskenproduktion in Bayern aufzubauen, fand sie offene Ohren. Besonders Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) entwickelte sich zum Fürsprecher.

Zusammen mit anderen bayerischen Firmen hat man inzwischen eine Lieferkette aufgebaut, in Weng läuft nun die Produktion zertifizierter FFP2-Masken. Die sei langfristig angelegt, sagt Zettl: Für die Fertigung seien 3000 Quadratmeter Fläche geschaffen worden, auf der zwei hierfür entwickelte Anlagen stünden. 15 weitere folgten im kommenden Jahr. Bis zu zehn Millionen FFP2-Masken pro Monat will Zettl künftig herstellen. Die Jobs der rund 270 Beschäftigten dürften damit gesichert sein, ein Privileg in der Krise. Um die Maskennachfrage zu bedienen, sollen sogar 100 neue Stellen entstehen.

Ein Herz für die Kollegen

Erst im Dezember 2019 hatte Marlon Hassel mit Freunden in Fürth ein eigenes Geschäft aufgemacht, das Pixels. Wer will, kann dort mithilfe einer Virtual-Reality-Brille virtuelle Abenteuer erleben und danach ein reales Getränk genießen. Doch schon im Frühjahr musste das Pixels wieder schließen. Lockdown. "Das war der denkbar schlechteste Zeitpunkt", erzählt Hassel, "wir waren völlig verzweifelt." Und sie wollten etwas tun. Kurzerhand bauten sie einen Webshop für die ganze Stadt. Auf "Ein Herz für Fürth" sollten Einheimische Gutscheine von örtlichen Händlern kaufen, um diese nach dem Lockdown einzulösen. "Wir hatten als einziges Geschäft die Infrastruktur", sagt Hassel.

Mit der Idee trafen sie jedenfalls einen Nerv: Die Läden, die sich beteiligten, setzten in kurzer Zeit gemeinsam Zehntausende Euro um, obwohl sie ja geschlossen hatten. Inzwischen wurde das Projekt mit Unterstützung der Stadt verlängert. Rund 60 Geschäfte sind aktuell auf dem Portal vertreten. Das Pixels nimmt für jeden Gutschein ein paar Prozent Provision, um die Serverkosten zu decken. Um die Verluste aus dem - inzwischen zum zweiten Mal - geschlossenen Laden zu kompensieren, reicht das allerdings nicht. Dafür ist das Projekt ein Gewinn für den örtlichen Einzelhandel. Und fürs Image, immerhin haben jetzt viele in Fürth von diesem VR-Laden gehört. "Klar, wir hatten irre Arbeit", sagt Hassel. Aber: "Ich bin froh, dass wir es gemacht haben."

Ins Lüften investiert

Lüften wurde im Zuge der Pandemie fast zu einer Art Volkssport: Regelmäßige Frischluftzuführung hilft nach derzeitigem Wissensstand dabei, die Verbreitung des Coronavirus über Aerosole zu reduzieren. Die Idee allerdings in die Praxis umzusetzen, erwies sich mitunter als schwierig. Etwa in der Schule, wo Lehrer und Schüler mit einsetzendem Herbstwetter klagten, die Wahl zwischen Erfrieren und Infizieren zu haben. Genau hier wollte die Firma Wolf aus Mainburg ansetzen.

Die Niederbayern haben sich auf Heizungs- und Klimasysteme spezialisiert, wie man sie in modernen Einfamilienhäusern oder Sportarenen einbaut. "Aber wir haben uns von Anfang an überlegt, wie wir helfen können", sagt Unternehmenssprecherin Melanie Waldmannstetter. Das Ergebnis: ein selbstentwickelter Luftreiniger für Büros, Klassenzimmer und Kitas. Das etwa schrankhohe Gerät besitzt zwei Filter und scheidet nach Unternehmensangaben bis zu 99,995 Prozent aller Bioaerosole ab. Es ist als Ergänzung zur Fensterlüftung gedacht, TÜV-geprüft sowie ohne Fachhandwerker schnell nachrüstbar. Natürlich bedeutet die Entwicklung des Luftreinigers für Wolf ein finanzielles Risiko - das sich aber auszahlen könnte: Vor Weihnachten waren mit seiner Produktion zwei Schichten mit je rund 30 Mitarbeitern beschäftigt. Mehrere Hundert Stück verließen jede Woche das Werk.

Virtuelle Ingenieure

Statt Weihnachtsgeschenken gab es einen Sozialplan. 2600 Stellen wird MAN Energy Solutions in den kommenden Jahren weltweit abbauen. Trotzdem wird aus 2020 auch Gutes bei den Augsburgern in Erinnerung bleiben. Als Corona über die Welt kam, wollte man gerade in Usbekistan eine Salpetersäureanlage zur Düngemittelproduktion in Betrieb nehmen. Für so etwas schickt der Konzern sonst Ingenieure für mehrere Wochen los, um alle Tests persönlich zu überwachen. Doch das war wegen Corona nicht mehr möglich. Kurzerhand wagten alle Beteiligten ein Experiment - und verlegten die Inbetriebnahme erstmals ins Home-Office.

Vom Küchentisch aus kontrollierten die Techniker Maschinen in 5500 Kilometer Entfernung; justierten am Laptop Parameter oder dirigierten die mit Datenbrillen ausgestatteten usbekischen Kollegen durch die Anlage, um quasi durch ihre Augen sehen zu können. Das hätte gewaltig schief gehen können. Doch das Experiment glückte. "Danach kamen die Anfragen", sagt Projektleiter Jörg Massopust. Inzwischen hat MAN Energy Solutions zwei weitere Anlagen auf diese Weise in Betrieb genommen, weitere sollen folgen. Weil Reisekosten entfallen, ist die Ferninbetriebnahme für Kunden sogar günstiger. Und auch abseits vom Finanziellen hat sich aus der Not etwas unverhofft Neues für das Unternehmen und seine Mitarbeiter aufgetan. "Das Positive ist, dass wir gemerkt haben, was wir alles können", sagt Massopust. "Das beflügelt."

Mit Mut und Zusammenhalt

Über zu wenig Arbeit in diesem Jahr können sie sich bei Sandler im oberfränkischen Schwarzenbach an der Saale (Landkreis Hof) nicht beklagen: Alle Welt will die Vliesstoffe des Mittelständlers haben, um daraus Masken zu machen. Eine ungewohnte Situation, berichtet Vorstandsmitglied Ulrich Hornfeck. Denn die Produktion für Hygieneartikel macht nur einen Teil des Portfolios aus, der Rest geht eigentlich in die Auto-, Textil- oder Möbelindustrie. Doch während in manchen dieser Bereichen die Aufträge Corona-bedingt innerhalb einer Woche wegbrachen, zog die Nachfrage nach Maskenstoff an.

Also wurden Mitarbeiter umgeschult, Anlagen und Prozesse umgestellt und vor allem viel aussortiert: Ein eigens zusammengestelltes Team arbeitete sich durch die Anfragen, um seriöse Zulieferer und Kunden von Spekulanten und Glücksrittern zu trennen. Der Zusammenhalt im Betrieb sei groß gewesen, sagt Hornfeck, alle hätten angepackt. Nur so habe man es geschafft, sich in kurzer Zeit ein neues Geschäftsfeld zu erschließen - ein Prozess, der in der Industrie normalerweise Jahre dauert. "Man muss den Mut haben, die üblichen Pfade zu verlassen", sagt Hornfeck dazu. Auf Dauer sei das neue Geschäft keins für die Masse, aber das sei nicht das Wichtigste. Unternehmen dürfe es nicht allein um Gewinne gehen. "Wirtschaften hat auch den Zweck, für die Menschen da zu sein."

© SZ vom 02.01.2021/syn
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