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Wirtschaft in Bayern:Der unbekannte Azubi

Tortengala für guten Zweck in München, 2018

Ob ein Beruf der richtige sein könnte, etwa Konditor, zeigt oft ein Praktikum. Das ist derzeit schwierig.

(Foto: Catherina Hess)

In auf Distanz ausgelegten Corona-Zeiten überhaupt zusammen­zufinden, ist für Lehrstellen-Bewerber wie Betriebe eine besondere Herausforderung. Digitale Angebote helfen - können aber ein grundsätzliches Problem nicht lösen

Von Maximilian Gerl, Inning/München

Wie lernt man jemanden kennen, der nicht da ist? Peter Schöpf sagt: "Es ist ein Herantasten." Mehrere Ausbildungsberufe bietet seine Firma an, bei der MBS Maier Brand & Wasser Schadenmanagement kann man unter anderem Fachinformatikerin, Maler oder über ein duales Studium Bauingenieurin lernen. Wer sich bewirbt, wurde früher in die Zentrale am Ammersee eingeladen. Das fällt wegen Corona erst einmal aus. Die Ausbildungsleiter treffen sich darum jetzt virtuell mit Bewerbern. In Videoschalten sollen beide Seiten vorfühlen, "ob man in der Richtung gleich liegt", wie es Schöpf nennt. Das funktioniere gut, aber klar: "Es ist nicht das Gleiche."

Nicht das Gleiche: Das trifft derzeit auf so vieles zu. Dabei sind gerade Pfingstferien in Bayern, für rund 126 000 Schülerinnen und Schüler sogar die vorerst letzten, sie machen ihren Abschluss. Und dann? Gute Frage. Auch für die Wirtschaft. Viele Betriebe setzen von jeher auf den persönlichen Kontakt, um Azubis und Lehrlinge zu gewinnen. Doch der ist schwer herzustellen in Zeiten, in denen Abstand halten oberstes Gebot ist. Die Zeit drängt. Bald verschwinden die potenziellen Fachkräfte in die nächsten Ferien, zum September beginnt das Ausbildungsjahr.

Wer Mitarbeiter werben will, muss präsent sein. Normalerweise kämen deshalb nicht nur Bewerber zu Schöpf an den Ammersee, auch Schulklassen würden dem hauseigenen Ausbildungszentrum einen Besuch abstatten. Sorgen mache er sich trotzdem keine, versichert Schöpf am Telefon. Im Gegenteil. Rund 500 Menschen arbeiten für MBS, Tendenz steigend, davon zehn in der IT-Abteilung. "Das schafft viele Möglichkeiten." Die Firma hat einen Imagefilm für Internet und Kino gedreht, Mitarbeiter teilen in den sozialen Netzwerken Stellenausschreibungen. Und jetzt eben, zusätzlich: Gibt es virtuelle Vorstellungsgespräche. Für die Ausbildungsberufe im Bereich IT böten sich die ohnehin an, sagt Schöpf, "da kann man gleich bestimmte Programme zeigen und Fähigkeiten kontrollieren".

MBS ist groß, die digitale Infrastruktur steht, das hilft. Kleineren Betriebe fehlen dagegen oft Bekanntheit und Kapazitäten. Sie sind darauf angewiesen, dass ein Interessent vorbeischaut und Gefallen an der Arbeit findet. Aber wegen Corona wurden viele Praktika abgesagt oder fanden unter Umständen statt, die mit dem normalen Berufsalltag wenig zu tun hatten.

"Gerade im Handwerk ist das Praktikum entscheidender als anderswo", sagt Alexander Dietz. Er kümmert sich bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern um das Thema Ausbildung und beobachtet das "spannendste Ausbildungsjahr seit Jahrzehnten". Denn auch das übrige Instrumentarium griff zuletzt nur bedingt. Ausbildungsmessen etwa mussten abgesagt werden. Immerhin verschaffen die Pfingstferien so etwas wie eine Atempause. Danach gehe es vor allem um eines, sagt Dietz: "Wie können wir sowohl Betriebe als auch Schulen informieren?" Mehr digitale Informationsangebote - von Vermittlungen bis zu Jobbörsen - sollen helfen. Natürlich sei das eine technische Herausforderung, aber "da werden wir einfach mal kreativ sein müssen".

Alexander Dietz von der Handwerkskammer für München und Oberbayern ist unter anderem zuständig für Grundsatzfragen der Berufsbildung.

(Foto: Thomas Einberger/argum/oh)

So gesehen steht allen Beteiligten in den kommenden Wochen ein ungewohnter Sprint bevor, der Flexibilität abnötigen dürfte. Denn nicht nur zwischen Betrieben und Bewerbern war der Kontakt zuletzt schwierig, auch der zwischen Schulen und Wirtschaft lag mancherorts brach. Lehrerverbände und Gewerkschaften brachten eine "Ausbildungsprämie" ins Spiel, die Unternehmen dabei helfen soll, Ausbildungsplätze zu erhalten. "Trotz Krise darf keine Fachkräftelücke entstehen, die die Wirtschaft in zwei, drei Jahren treffen würde", teilte der Bundesverband der Lehrkräfte für Berufsbildung im Mai mit.

Streng genommen ist die eh schon da. Auf der einen Seite geht die Generation der Babyboomer nach und nach in Rente, auf der anderen kommen zu wenige junge Leute nach. Vermutlich werden in Bayern allein diesen Sommer deshalb 6000 Schüler weniger abgehen als 2019. Auch deshalb hatten die Kammern und Verbände in der Vergangenheit viel in Werbung investiert. Sogar Kampagnen für Eltern wurden aufgelegt, um sie zu überzeugen, dass ihre Kinder nicht studieren müssten, um Karriere zu machen. Der Lohn waren mal bessere, mal schlechtere Ausbildungszahlen, aber immerhin tat sich etwas.

Torpediert Corona nun das Erreichte? Die Gefahr sieht Dietz nicht, "die Betriebe brauchen den Nachwuchs". Die Arbeit werde auch in Zukunft nicht ausgehen. Ähnlich äußert sich Hubert Schöffmann, bildungspolitischer Sprecher des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags. Manche Firmen würden voraussichtlich ihre Stellen reduzieren, trotzdem könne von einer "Ausbildungskrise" keine Rede sein. "Wer einen Platz sucht, wird einen finden." Zudem fahre in den Betrieben dank niedriger Infektionszahlen "das persönliche Kennenlernen" langsam hoch. Auch die Regionaldirektion Bayern der Arbeitsagentur nennt die Lage gut. 61 755 Interessenten hatten sich bis Mai bei den Jobcentern gemeldet, ihnen gegenüber standen 92 151 Ausbildungsstellen. Rein rechnerisch kamen auf einen unversorgten Bewerber 1,7 unbesetzte Plätze. Zwar seien die Zahlen geringer als im Vorjahr, sagt Ralf Holtzwart, Chef der Regionaldirektion, doch das liege vor allem an der demografischen Entwicklung. Corona habe dagegen im Frühjahr zu Verzögerungen geführt, also werde sich wohl "alles sechs Wochen nach hinten" verschieben. Sollte das eintreten, käme der "Nachvermittlung" - bei der Betrieb und Bewerber erst nach dem offiziellen Start des Ausbildungsjahrs zusammenfinden - in diesem Jahr eine besondere Rolle zu. Ein Szenario, das auch die Kammern für realistisch halten. "Wenn man ein paar Wochen später beginnt, ist das kein Beinbruch", sagt Schöffmann.

In Inning zieht Schöpf ein positives Zwischenfazit. Die virtuellen Erstgespräche hätten sich etabliert. Auch für die jungen Menschen seien diese ja praktisch, sie könnten so in kurzer Zeit viele Angebote einholen und vergleichen. Gerade wenn man noch nicht genau wisse, wohin es beruflich gehen solle, könne das die Entscheidung erleichtern. "Die Phase mit Corona geht vorbei", sagt Schöpf. "Danach muss es weitergehen."

© SZ vom 08.06.2020
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