Bayerischer Rundfunk:Rückkehr zum Taramtaram

"Oide Wiesn Bürgerball" in München, 2014

Bayerische Musik und Traditionen prägen das Programm des neuen Radiosenders "BR Heimat".

(Foto: Lukas Barth)

Vor ein paar Jahren war der Bayerische Rundfunk noch drauf und dran, die Volksmusik und ihre Begleiterscheinungen aus dem Programm zu verbannen: zu altmodisch, zu regional. Doch die Sehnsucht der Hörer nach dem Vertrauten wächst. Deshalb gibt es jetzt den digitalen Radiosender "BR Heimat" - rund um die Uhr.

Von Hans Kratzer

Früher war das Radiohören am Morgen ein zuverlässiges Vergnügen. Die Zahl der Sender war überschaubar, schätzungsweise in der Hälfte der bayerischen Haushalte lief nach dem Aufwachen Bayern 1. Blasmusik dröhnte in allen Variationen durch die Zimmer, bis es auch der größten Schlafmütze - taramtaram - den Bettzipfel davongeblasen hat. Radio, das bedeutete für die meisten Hörer Volks- und Marschmusik, interpretiert durch Jodeldiplomierte und juchzende Schuhplattler. Der Tag fing schon krachfidel an.

Aus heutiger Sicht wirkt der Radio-Geschmack der Siebzigerjahre recht museal, sogar der lokale Hörfunk hat mittlerweile globale Ambitionen. Allerdings sind die Programme dadurch uniform und austauschbar geworden. Der Bayerische Rundfunk (BR) setzt dieser Entwicklung nun ein neues Programm entgegen, das die wachsende Sehnsucht der Hörer nach dem Vertrauten und Umhausten stillen soll.

"BR Heimat" heißt das digitale Vollprogramm, das vor vier Wochen gestartet wurde und die Hörer täglich 24 Stunden lang mit Volksmusik und Volkskultur im weitesten Sinne unterhalten soll. Es wird digital ausgestrahlt und ist über das digitale Antennenradio DAB+, über Digitalkabel, Satellit und über das Internet empfangbar.

Aufstand der Hörerschaft

Vor wenigen Jahren war eine Entwicklung des BR in diese Richtung noch unvorstellbar. Im Jahr 2009 war der Bayerische Rundfunk vielmehr im Begriff, die Volksmusik und ihre Begleitsendungen fast ganz aus dem Programmschema zu verbannen. Dies hing wohl auch damit zusammen, dass die Zahl der Redakteure und Programmleiter, die nicht mit bayerischer Kultur und Blasmusik sozialisiert wurden, in dieser Zeit stark angestiegen war.

In der Folge gab es in der traditionell geeichten Hörerschaft des BR einen Aufstand, vor allem nachdem der Sender Bayern 2 die beliebte Morgensendung "Heimatspiegel", die zwischen 6 und 7 Uhr ausgestrahlt wurde, auf 5 Uhr vorverlegte. Der BR argumentierte, er setze lieber auf aktuelle Berichterstattung als auf Volksmusik. Höhepunkt der Auseinandersetzung war eine frühmorgendliche Konfrontation vor dem Funkhaus des BR, in deren Verlauf der damalige Hörfunkdirektor Johannes Grotzky vorfuhr, alle vier Türen seines Wagens aufriss, das Autoradio auf volle Lautstärke stellte und die Schallwellen seines Geräts unbarmherzig gegen jene Harmonien branden ließ, die aus den Blechblasinstrumenten der Volksmusikanten ertönten, die vor dem BR gegen die Rückstufung des Heimatspiegels protestierten.

Eine Welle für alle Freunde der Volksmusik

Sie warfen dem BR vor, die Volksmusik auszutrocknen, sie habe keine Lobby im BR. Die fortschreitende Digitalisierung hat die Weichen nun aber neu gestellt, die Wogen haben sich geglättet. Tatsächlich entpuppt sich "BR Heimat" als eine deutschlandweit solitäre Welle für alle, die sich für Volksmusik, für bayerische Themen und Kultur interessieren. Das Rund-um-die-Uhr-Programm offeriert eine erstaunliche Bandbreite an Volks- und Blasmusik: von den Fischbachauer Sängerinnen bis zu Kofelgschroa, von den Veldensteiner Musikanten bis zu den Oberkrainern. Dazu aktuelle Magazine, Studiogäste und Reportagen zum Thema Bayern. Die Volksmusiklobby ist weitgehend zufrieden.

Stefan Frühbeis, Redaktionsleiter von "BR Heimat", klingt nach zweijähriger Vorbereitung des Projekts jedenfalls schwer euphorisiert. "Die Hörer rennen uns die Bude ein. Es ist unfassbar", sagt er. Schon wenige Stunden nach dem Start am 2. Februar habe der Sender auf der Facebookseite 20 000 Aufrufe verzeichnet. "Wir bekommen Reaktionen aus der ganzen Welt", sagt Frühbeis. Selbst aus den USA und aus Russland habe es schon Zuschriften gegeben. Daraus spricht ein Bedürfnis nach Nähe in der globalen Welt.

Ohne Schnickschnack und ohne Anpassung

Vor zehn Jahren, gibt Frühbeis zu, hätte man sich nicht getraut, den Sender "BR Heimat" zu nennen. Inzwischen sei dies möglich. Heimat werde neu interpretiert. Viele junge Leute spielten wieder selber traditionelle Volksmusik - und sind saugut. Auch im Programm gehe alles nebeneinander, selbst Tradimix, der Sendeplatz für alternative Volksmusik, findet breiten Raum.

"BR Heimat" bedient keinen Massengeschmack. Es ist Radio, wie es früher war, ohne Schnickschnack und ohne Anpassung an globale Bedürfnisse. Der Talk um 10 Uhr vormittags ist ein Ratsch und heißt schlicht "Habe die Ehre". Freilich, die Aufteilung in Sparten erhält im BR immer stärkeres Gewicht. Die Programme spalten sich auf, damit auch Hörer mit bestimmten Neigungen erreicht werden. Die Aufgabe des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, der Gesellschaft eine Klammer zu geben, wird dadurch nicht einfacher. Neue Formate wie "BR Heimat" zeigen eben auch, dass der Kampf um die Quote die Frage nach den gesellschaftspolitischen Zielen der Programmgestaltung überdeckt.

In einer früheren Version des Textes haben wir von "Bayern Heimat" geschrieben. Das ist falsch. Richtig ist "BR Heimat". Wir haben den Fehler korrigiert.

© SZ vom 03.03.2015/bica
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