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Bahnverkehr in Bayern:Kampf gegen die Verdrängung

Fahrbereit: die neuen Züge der Werdenfelsbahn.

(Foto: Robert Haas)

Veolia, Agilis, BOB: Konkurrenten plagen die Deutsche Bahn auf vielen bayerischen Schienenwegen. Das Unternehmen habe "schmerzhafte Verluste" hinnehmen müssen und will nun in die Offensive gehen.

Fünfeinhalb Jahre stand Norbert Klimt an der Spitze der Regionaltochter der Deutschen Bahn in Bayern. Nun wechselt der Manager als Finanzvorstand von DB Regio nach Frankfurt - ist somit also auch weiterhin mitverantwortlich für den Schienennahverkehr im Freistaat. Einen Nachfolger hat Klimt auch schon im Auge, Namen allerdings nennt er noch nicht. Auch eine Frau an der Spitze von DB Regio Bayern will er nicht ausschließen. Fest steht nur: Wer auch immer künftig an der Spitze des Unternehmens stehen wird, er (oder sie) wird eine Menge Arbeit haben. Das hat Klimt jetzt klar gemacht. Vor allem sollen seine Nachfolger verloren gegangenes Terrain für die Bahn zurückerobern.

Denn seit der Freistaat vor 17 Jahren die Verantwortung für den Schienennahverkehr übernommen hat, verfolgt die Staatsregierung ein Ziel: Durch Ausschreibungen einzelner Netze will sie den Wettbewerb unter den Bahnanbietern anheizen. Und so war es Klimt, der in seiner Amtszeit einige Niederlagen erleiden musste: Der Konkurrent Agilis zum Beispiel schnappte ihm das Regionalzugnetz rund um Regensburg weg. Und von Mitte Dezember an soll der Wettbewerber Veolia die Strecken von München über Rosenheim nach Salzburg und Kufstein befahren. Diese bedient bislang noch die Deutsche Bahn.

Und auch auf vielen Nahverkehrsstrecken in Franken geht es mittlerweile sehr viel bunter zu als noch vor einigen Jahren: Die Konkurrenten fahren mit ihren grün, blau oder gelb lackierten Zügen auf Strecken, auf denen über Jahre hinweg die roten Züge der Deutschen Bahn zu sehen waren. "Schmerzhafte Verluste" habe die Bahn hinnehmen müssen, räumt Klimt unumwunden ein.

Kampf gegen die Verdrängung

Das aber soll sich in Zukunft wieder ändern - diese Vorgabe macht der neue Finanzvorstand seinen Nachfolgern in Bayern schon. Denn bis zum Jahr 2023 will der Freistaat sämtliche Teilnetze in Bayern mindestens einmal ausgeschrieben haben - als nächster großer Brocken können sich die Unternehmen zum Beispiel um die Schienennetze im Allgäu bewerben.

Klimt will diesen Auftrag auf jeden Fall für die Deutsche Bahn erobern. Und noch viel mehr: Nach und nach müssen nun auch Netze, die der Freistaat in der Vergangenheit an Konkurrenten der Bahn vergeben hatte, erneut in die Ausschreibung gehen. Für Klimt und seine Kollegen bietet sich somit die Gelegenheit, solche Netze wieder zurückzuerobern. "Wir sehen da gute Chancen für uns", sagt Klimt.

Woran es bei der Konkurrenz mangelt

Zumal bei den Konkurrenten auch nicht immer alles klappt - ganz im Gegenteil. So kämpft zum Beispiel Veolia derzeit mit der Übernahme des Betriebs auf den Strecken von München über Rosenheim nach Salzburg und Kufstein. Denn das Eisenbahnbundesamt (EBA) verweigert bislang die Zulassung der von Veolia bestellten neuen Züge; auch beim Hersteller Stadler gibt es offenbar Probleme. Veolia-Chef Kai Müller-Eberstein sucht derzeit händeringend überall in Europa Ersatzzüge, um damit von Mitte Dezember an zumindest das bisherige Fahrplanangebot aufrecht erhalten zu können.

Die Bahn stellt Veolia laut Klimt immerhin drei Zuggarnituren zur Verfügung. Zudem wird sie die Münchner S-Bahn-Linien 20 und 27 bis auf Weiteres bedienen; eigentlich sollten auf deren Strecken von Mitte Dezember an ebenfalls Veolia-Züge rollen. Unterm Strich, diesen Seitenhieb auf den Konkurrenten kann sich Klimt nicht verkneifen, fahre die Bahn damit 30 Prozent der Gesamtleistung von Veolia im Rosenheimer Netz. Das allerdings nur 16 Wochen lang - so lange läuft laut Klimt der Vertrag über die Hilfeleistung. Von Anfang April 2014 an muss Müller-Eberstein also genügend eigene Züge zur Verfügung haben.

Warnung an den Freistaat

Allerdings räumt Klimt auch ein: Probleme mit nicht zugelassenen Zügen hatte die Bahn selbst zur Genüge. Bei fast jeder Inbetriebnahme eines neuen Netzes gab es Komplikationen. Daher warnt der Bahn-Manager auch ganz offen den Freistaat davor, die S-Bahn-Netze in München und Nürnberg jetzt rasch per Wettbewerb zu vergeben.

Der Vertrag für die Münchner S-Bahn läuft 2017 aus. Sollte der Freistaat einem Konkurrenten den Zuschlag erteilen, müsste dieser entweder die 238 Fahrzeuge vom Typ ET 423 übernehmen - oder mindestens so viele neue Züge auf einmal bestellen (und zugelassen bekommen). Das ist ein Risiko. Zumal offen ist, ob ein Konkurrent den S-Bahn-Betrieb als Ganzes überhaupt übernehmen könnte - allein schon, weil den meisten Bahn-Konkurrenten dazu die Finanzkraft fehlt.

Denkbar wäre daher, dass der Freistaat das S-Bahn-Netz in Teillose aufteilt - und diese dann ausschreibt. Bislang allerdings haben sich dazu weder der neue Verkehrsminister Joachim Herrmann (CSU) noch der neue Chef der landeseigenen Bahnagentur dazu geäußert. Nicht nur Klimt, viele in der Branche, warten nun auf Aussagen der beiden.

© SZ vom 15.11.2013/infu

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