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"Badewannen-Mord" von Rottach-Egern:Ein gravierender Rechtsfehler

Das, sagt der Rechtsanwalt Widmaier - und der Bundesgerichtshof folgte ihm darin ohne Wenn und Aber -, sei ein gravierender Rechtsfehler gewesen. Die Strafprozessordnung verbietet es, eine Verurteilung auf einen anderen als den in der Anklage enthaltenen Sachverhalt zu stützen, ohne den Angeklagten darauf besonders hinzuweisen und ihm Gelegenheit zur Verteidigung zu geben. Das Urteil wurde vollständig aufgehoben, der Fall wurde zur erneuten Verhandlung an das Landgericht München II zurückverwiesen.

Für Manfred G. ist das ein Glücksfall - ohne diesen Fehler wäre eine neue Beweisaufnahme und damit die Gelegenheit, seine Unschuld zu belegen, nicht zustande gekommen. Gunter Widmaier, der seine auf Revisionen spezialisierte Kanzlei in Karlsruhe, dem Sitz des Bundesgerichtshofs betreibt, tritt nur selten als Verteidiger in einem Strafprozess auf. In diesem Fall tut er es doch, weil ihm das Schicksal Manfred G.'s am Herzen liegt. Widmaier hofft aufgrund seiner eigenen Recherchen, dass er alle Indizien, die vermeintlich für die Schuld seines Mandanten Manfred G. sprachen, entkräften kann.

Da sind zunächst die beiden Einblutungen am Hinterkopf der Toten: Sie lassen sich, so Widmaier, leicht damit erklären, dass Lieselotte K. nach einer Lungenembolie ständig das Medikament Marcumar einnehmen musste. Der Wirkstoff dieses Medikaments hemmt die Blutgerinnung, damit verbunden ist aber eine erhöhte Blutungsneigung auch bei geringfügigen Anlässen, wie etwa einem leichten Stoß. Aus den Krankenunterlagen ergebe sich, dass Frau K. in den Tagen vor ihrem Krankenhausaufenthalt erhebliche Überdosen von Marcumar eingenommen habe. Die Blutungen könnten deshalb durchaus schon Tage vor dem Tod von Frau K. entstanden und unbemerkt geblieben sein. Dass die Kopfhaut unverletzt war, mache den Schlag mit einem harten Gegenstand äußerst unwahrscheinlich. Widmaier will dazu den renommierten Kölner Rechtsmediziner Markus Rothschild als Sachverständigen aufbieten.

Überhaupt nicht nachvollziehbar sei auch die Darstellung des Gerichtsmediziners Keil, ein Sturz in die Badewanne sei unwahrscheinlich. Nachweislich litt die Rentnerin schon früher unter kurzen, durch eine Durchblutungsstörung ausgelösten Ohnmachtsanfällen. Widmaier glaubt durch Tatortfotos nachweisen zu können, dass Lieselotte K., nachdem der Hausmeister sie an jenem Nachmittag verlassen hatte, in ihrer Badewanne verschmutzte Wäsche einweichen wollte. Wenn sie, als sie sich über die Wanne beugte, plötzlich das Bewusstsein verloren habe, sei ein Sturz in die halb mit Wasser gefüllte Badewanne völlig zwanglos nachvollziehbar, sagt Widmaier.

Die 4. Strafkammer des Landgerichts München II unter der Vorsitzenden Richterin Petra Beckers hat für die neue Hauptverhandlung 16 Prozesstage bis zum 14. Dezember angesetzt.

© SZ vom 07.11.2011/bica
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