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Ausgrabungen:Sensation und Zerstörung

Museum gibt der ´Toten von Niederpöring" ein Gesicht

Mithilfe von moderner Technik wurde aus dem Schädel einer vor 7000 Jahren gestorbenen Frau deren Gesicht rekonstruiert. Die Tote wurde nahe Deggendorf gefunden. Das Gesicht wird im Museum Künzing gezeigt.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Das archäologische Jahr hat spektakuläre Funde hervorgebracht. Sogar Gesichter aus der Steinzeit sind detailgetreu rekonstruiert worden. Erkauft wird dieser Fortschritt mit der Vernichtung von immer mehr Bodendenkmälern durch ungebremsten Flächenverbrauch

Dass die Archäologie in Bayern im Jahr 2019 herausragende Schlagzeilen produziert hat, ist in erster Linie den Frauen zu verdanken. Eine betrübliche Nachricht war natürlich, dass die "Venus von Aufhausen" verschwunden ist. Die gut 6000 Jahre alte Tonfigur, die einst bei Landau an der Isar entdeckt wurde, zählt zu den wichtigsten archäologischen Funden in Bayern, ist nun aber verschollen. Tragisch: Es deutet alles auf eine "Schlamperei" hin, wie der Dingolfinger Landrat Heinrich Trapp einräumte.

Umso erfreulicher war natürlich die wissenschaftlich gesicherte Nachricht, dass im heutigen Niederbayern schon vor gut 7000 Jahren Frauen lebten, die einen Migrationshintergrund hatten und in ihren Sippen schwer emanzipiert waren. Im Museum Quintana in Künzing (Kreis Deggendorf) ist seit einigen Monaten die rekonstruierte Büste einer solchen starken Frau zu bestaunen. Allein schon ihre strengen, von einem kostbaren Stirnband umrahmten Gesichtszüge lassen erahnen, dass sie im damaligen Donautal eine herausragende Stellung genossen haben muss. Untermauert wird ihre Position durch kostbare Gaben, die man ihr ins Grab gelegt hat. Ihre Vorfahren waren wohl aus der Gegend des heutigen Anatolien eingewandert.

Die Besucher, die sich im Künzinger Museum ins abgedunkelte Untergeschoss begeben, stehen vor einem Antlitz aus einer Zeit, von der bisher niemand eine genaue Vorstellung hatte - weder vom Leben noch vom Aussehen der Menschen. Umso verblüffter wird man hier unten gewahr, dass diese Frau gut in die Gegenwart passen würde. Ihr Gesicht trägt zeitlose Züge.

Ähnlich faszinierend wirkt eine Bäuerin, die ebenfalls in jener Zeit gelebt hat. Auch ihre Gestalt wurde rekonstruiert und bildet nun einen Glanzpunkt der neuen Ausstellung im Museum Kastenhof in Landau an der Isar. Diese Frau gehört zu den ersten Menschen, die in Süddeutschland Ackerbau betrieben haben. Vor 7300 Jahren war sie aus dem Karpatenraum ins heutige Niederbayern eingewandert. Lisar, wie man sie getauft hat, gilt nach Aussage von Experten inzwischen als die am besten untersuchte Person der Steinzeit im süddeutschen Raum.

Vor einigen Jahren wären solch authentisch wirkenden Rekonstruktionen noch nicht möglich gewesen. Dem Zusammenspiel mehrerer moderner Wissenschaften ist es zu verdanken, dass man nun Menschen aus der Jungsteinzeit fast lebensecht in die Augen schauen kann. Leider wird dieser Erkenntnisgewinn teuer erkauft. Viele Funde kommen eben nur wegen des Flächenverbrauchs ans Tageslicht. Mit jeder neuen Straße, mit jedem neuen Wohn- und Gewerbegebiet verschwinden Bodendenkmäler für immer von der Landkarte. Wertvollste Funde müssen in Notgrabungen vor der völligen Zerstörung bewahrt werden. Ein Bodendenkmal hat aber seine größte Aussagekraft, wenn es dort bleibt, wo es ist. "Unser größter Wunsch wäre es, die Bodendenkmäler einfach im Boden drin zu lassen", sagt Landeskonservator Sebastian Sommer (Landesamt für Denkmalpflege). Sommer kann minutenlang Fälle aufzählen, in denen die Bodendenkmalpflege unwiederbringliche Verluste einstecken musste. "Unser Landverbrauch ist bislang kein Jota eingeschränkt worden", sagt er. Ständig kommt es zu Konflikten, wie etwa im Markt Bissingen in Schwaben, wo ein großes Neubaugebiet auf einer Fläche geplant ist, in der eine wunderbar erhaltene Villa rustica im Boden liegt. "Man könnte sie dort lassen, man muss keinen Keller bauen an dieser Stelle", sagt Sommer. Aber viele Kommunen wollen den Bauherren einfach eine denkmalfreie Fläche anbieten.

"Wir leiden darunter, dass man unsere Tätigkeit nur über unsere Grabungen wahrnimmt", sagt Sommer. Die meisten Schätze, die geborgen werden, landen aber im Depot. Die wissenschaftliche Auswertung erfolgt erst durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Biologen, Genetikern, Botanikern und Anthropologen. "Da wird es richtig spannend", sagt Sommer. Das geht aber aus Kapazitätsgründen nur punktuell. Von 600 Grabungen pro Jahr gelangen nur ein bis zwei in die wissenschaftliche Bearbeitung. "Ausgrabungen sind nicht unser Ziel", sagt Sommer. Denn sie führen zur Zerstörung der Denkmäler, es bleiben nur Löcher. Die Bodendenkmalpfleger werden nur dort aktiv, wo ein Erhalt des Denkmals nicht möglich ist.

Dass ein Bebauungsplan unvermittelt mit Bodendenkmälern kollidiert, ist fast ausgeschlossen. 50 000 bekannte Bodendenkmäler sind in Bayern dokumentiert. "Es tappt also wegen des Denkmal-Atlasses keiner mehr ins Unbekannte", sagt Landeskonservator Sommer. "Es gibt nur noch wenige Überraschungen." Bauherren, die Wertschöpfung zulasten eines Denkmals erzielen, ärgern sich oft über die Kosten, die sie entrichten müssen. "Wir werden oft ungerechtfertigt attackiert für das, was Bauherr und Gemeinde verbockt haben", entgegnet Sommer. Ein Trost aber bleibt, wie im Falle der Steinzeitfrauen von Künzing und Landau. "Das sind tolle Ergebnisse im Prozess der planmäßigen Zerstörung", bilanziert Sommer.

© SZ vom 31.12.2019
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