Arzberg in Oberfranken Ein Mann räumt auf

Arzbergs SPD-Bürgermeister Stefan Göcking muss sich bei der Stadtsanierung Haus für Haus vornehmen. Das kann Jahrzehnte dauern.

Geburtenschwund und Abwanderung: Arzberg in Oberfranken schrumpft so stark wie keine andere bayerische Stadt. SPD-Bürgermeister Stefan Göcking kämpft um die Zukunft - und fühlt sich von der Landespolitik in Stich gelassen.

Von Sebastian Beck

Immer, wenn im Spätherbst Journalisten nach Arzberg kommen, beschleicht SPD-Bürgermeister Stefan Göcking ein ungutes Gefühl. Er ahnt schon, was das wieder für Bilder werden könnten: Wenn der Nebel auf Arzberg drückt. Die menschenleeren Straßen. Die Ruinen wie ausgeschlagene Zähne mitten im Ort. Die Schilder in den Schaufenstern: zu vermieten. Alles klassische Motive, das weiß auch Göcking inzwischen. Und Motive, nach denen man nicht lange suchen muss. "Es wird immer nur gezeigt, dass wir am Boden liegen und uns selbst nicht mehr helfen können", sagt Göcking. "Dass wir aber auch versuchen, Neues zu bauen, das wird nie erwähnt."

Es ist tatsächlich leicht, ein trostloses Bild der Stadt Arzberg in Oberfranken zu zeichnen. Man muss nur über die Altstadt drunten im Talkessel blicken und den Gestank der Kohlenheizungen einatmen. Das Pfarrhaus hier oben neben der Kirche steht auch leer. Es ist verseucht mit dem Holzschutzmittel Lindan. Am Ortsrand zeichnen sich die riesigen Torsos der einstigen Porzellanfabriken mit ihren gemauerten Kaminen ab. Sie waren erst der Stolz der Stadt - und dann ihr Verhängnis.

Göcking ist 52 Jahre alt, er zählte zu den letzten Kindern, die im alten Arzberger Krankenhaus zur Welt kamen. Damals, in der goldenen Zeit. Ein lockerer Typ, kein bisschen provinziell. Sein Büro im rot gestrichenen Rathaus zieren Che-Guevara- und Kuba-Devotionalien - eine Rarität in bayerischen Amtsstuben. Er ist ein Pragmatiker, den man gerne dem linken Parteiflügel der SPD zurechnen darf. Schließlich war Arzberg einmal eine Arbeiterstadt, und Göcking kann sich noch gut an die Zeit erinnern, als hier die Schlote rauchten.

Die Werkssirenen gaben den Takt vor, bei Schichtwechsel herrschte in der Stadt Verkehrschaos. Ein Gewühl aus Fußgängern und Autos. "Da konnte man nicht die Straße überqueren", sagt Göcking. Er selbst hat als Jugendlicher in der Porzellanfabrik Schuhmann gejobbt, wie fast alle anderen hier. Und dann nach der Wende war alles plötzlich aus.

Weit weg vom bayerischen Selbstbild

Geblieben ist nur eine kilometerlange Industriebrache. Der größte Teil der Hallen ist bereits eingeebnet; nur ein paar denkmalgeschützte Gebäude stehen noch. Aufzugtüren, die ins Nichts führen. Ganz am Ende des Areals verbirgt sich hinter dem Gebüsch eine Unternehmervilla aus den 70er Jahren, auch sie längst verlassen und von der Stadt aufgekauft. "Mich belastet das, wenn man etwas abreißen muss, was wenige Jahre zuvor noch in Betrieb war", sagt Göcking. Es gibt für ihn noch viel abzureißen in Arzberg - und zum Glück auch einiges aufzubauen.

Gerade einmal 218 Kilometer Luftlinie trennen die Stadt von München. Aber wer vom boomenden Oberbayern an die tschechische Grenze fährt, der findet sich in einem Landstrich wieder, der mit dem Selbstbild, das die Politik vom Freistaat zeichnet, so gar nichts zu tun hat. Hier schrumpft seit einigen Jahren die Bevölkerung, und zwar dramatisch - ein Phänomen, das es seit Beginn der Industrialisierung in Bayern noch nicht gegeben hat. Und wohl keine andere Kommune im Freistaat leidet so stark darunter wie die Arzberg: Kurz nach der Wende 1990 waren es mehr als 7000 Einwohner, derzeit sind es etwa noch 5300. Wenn der Schwund so weitergeht, wird Arzberg Prognosen zufolge im Jahr 2029 noch 4050 Einwohner zählen, davon werden 1400 älter als 65 Jahre sein.

Die letzten Ruinen der Porzellanfabriken sollen in den nächsten Jahren abgerissen werden.

(Foto: Sebastian Beck/oh)

Von der Billig-Konkurrenz überrollt

Als in den Neunzigerjahren die traditionelle Porzellanindustrie niederging, verschwanden mit ihr tausende Arbeitsplätze. Der Billig-Konkurrenz aus dem Osten konnte Arzberg einfach nicht standhalten. 2003 schloss dann auch noch das Braunkohlekraftwerk, das Gelände ist inzwischen renaturiert. Es blieben die Wurstfabrik im neuen Gewerbegebiet, eine Lebkuchenbäckerei, ein Kunststoffproduzent. Sie alle konnten die Verluste an Jobs nicht ausgleichen. Die Einnahmen aus der Gewerbesteuer: gleich null.

Wer hier wie Göcking Lokalpolitik macht, der muss einen Prozess der Schrumpfung moderieren und gleichzeitig Zuversicht verbreiten, dass die Stadt noch eine Zukunft hat. Viele Junge ziehen weg, nach Nürnberg oder Regensburg. Die Älteren leiden unter einem dumpfen Phantomschmerz, einer Depression, die nur langsam jener Aufbruchstimmung weicht, wie sie Wunsiedels CSU-Landrat Karl Döhler gerne beschwört:"Die Leute wollen den Negativismus nicht mehr hören. Wir sind wer und wir glauben dran."

Doch gerade in einer Stadt wie Arzberg gleicht die Politik einem Experiment. Und sie ist ein Beispiel dafür, wie man durchhält. Auch wenn man sich vom reichen Süden alleine gelassen fühlt: "Die Leute dort wissen gar nicht, was bei uns los ist. Es wird nicht registriert, mit welchen Problemen wir zu kämpfen haben", sagt Göcking. In den nächsten Jahrzehnten werden viele Regionen Bayerns Einwohner verlieren. In Arzberg lässt sich jetzt schon studieren, was das Ende des Wachstums bedeutet.