Adoptivkinder Hohe Hürden vor der Adoption

Vor einer Adoption führt Gabriele Pechtl bis zu acht Gespräche mit den Bewerbern. Sie müssen im Laufe des Bewerbungsprozesses so gut wie alles offenlegen: von Beziehungsproblemen bis zum Kontostand. "Wichtig ist, dass sie vor allem ehrlich zu sich selbst sind", sagt Gabriele Pechtl. Ein Kind - ob adoptiert oder leiblich - könne nicht als Kitt für eine Beziehung dienen.

Eltern sollten sich auch schon vor einer Adoption mit ihrer ungewollten Kinderlosigkeit auseinandergesetzt haben, denn es berührt den Menschen existenziell. Viele Menschen glaubten, sie hätten ein Recht auf Glück, Liebe, Gesundheit - und ein Kind. "Es ist aber nicht so. Das müssen sie ein Stück weit hinnehmen", sagt Pechtl. Die ungewollte Kinderlosigkeit sei für viele eine "Verletzung". Eine Heilung sollte noch passieren, bevor Paare eine Adoption anstreben. Sonst träfen bei einer Adoption gleich mehrere verletzte Seelen aufeinander: Das Kind, das den ersten Bruch mit dem Verlust der leiblichen Eltern erlebt hat, und die Adoptiveltern, die sich in dem Schmerz über ihr "eigenes Versagen", keine Kinder bekommen zu können, vergraben.

Familie Jung und ihr Adoptivkind.

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Wenn Kinder dann fragten, warum sie adoptiert seien und die Eltern dann weinten, dann verstöre das das Kind: "Was habe ich denn jetzt angestellt, wird es sich fragen", ist Pechtl überzeugt. Ein gesunder Umgang für das Kind mit seiner Vergangenheit ist dann nur schwer möglich.

Leibliche Mütter entscheiden sich meist schon während der Schwangerschaft dazu, ihr Kind zur Adoption freizugeben. "Ein sensibler Moment", sagt Gabriele Pechtl. 30 bis 40 Frauen kämen im Jahr zu ihr in die Beratung. Diese zielt in erster Linie darauf ab, gemeinsam mit den Eltern die für das Kind beste Lösung zu ermitteln. Dazu werden die Möglichkeiten für ein Leben mit dem Kind ausgelotet: Gibt es Großeltern, die helfen können, kann man die Mutter in einem speziellen Mutter-Kind-Heim unterbringen, findet man gemeinsam mit dem Arbeitgeber ein gute Lösung?

Zwischen neun und 20 Frauen entscheiden sich dann aber für die Abgabe ihres Kindes. Bereut hätte es noch nie eine Mutter, ihr Kind weggegeben zu haben. "Mütter und Väter, die ihre Kinder weggeben, sind keine Rabeneltern. Im Gegenteil: Sie sind liebende Eltern. Sie entscheiden für das Wohl des Kindes", sagt Pechtl. Eine negative Stigmatisierung sei unangemessen.

Für das Ehepaar Jung kam eine Inlandsadoption nicht infrage. Sie wünschten sich ein Kind aus Kolumbien im Alter zwischen null und 36 Monaten, möglicherweise mit körperlichen Behinderungen, die sich mit einem Eingriff in Deutschland beheben lassen. Mit Leon bekamen sie einen Sonnenschein, gesund, munter und "sehr helle". Es war sehr hilfreich, dass die Jungs seine Muttersprache Spanisch sprechen. Sie hätten erlebt, welche Probleme andere Eltern gehabt hätten, weil sie nicht mit dem Kind kommunizieren konnten. "Frustrierend - vor allem für das Kind", sagt Tobias Jung.

Die Jungs fanden sich schnell in ihre neue Rolle als Eltern ein. Leon testete sie schon nach wenigen Tagen. Er ließ seinen Löffel immer wieder provozierend auf den Boden fallen. "Ein gutes Zeichen", findet Tobias Jung. Die anfängliche Befangenheit sei schnell abgefallen. Leons leibliche Mutter haben sie nicht kennengelernt, Adoptionen sind in Kolumbien anynom. Mit seinen vier Jahren hat Leon noch nicht realisiert, dass er anders aussieht als seine Eltern. Wenn er alt genug ist, werden sie mit ihm nach Kolumbien reisen. "Wir sehen eine Adoption als Chance für ein Kind", sagt Tobias Jung, "und für uns."