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Ableben im Wandel der Zeit:Kulturgut Friedhof

Grabsteine in Wettelsheim (Lkr. Weißenburg, um 1930).

(Foto: Landesamt Denkmalpflege)

Warum sich Bestattungen zurzeit so rasant verändern

Auf dem Waldfriedhof von Traunstein hat der Anteil der Feuerbestattungen vor 20 Jahren noch 16 Prozent betragen. Nachdem aber in der Nähe des Friedhofs ein Krematorium in Betrieb genommen wurde, stieg der Anteil der Urnenbestattungen auf 30 Prozent an. Heute werden nach Aufzeichnungen der Friedhofsverwaltung in Traunstein drei Viertel aller Verstorbenen verbrannt. Diese Zahlen belegen, wie rasant sich die Friedhofs- und Bestattungskultur selbst im traditionsfesten Oberbayern verändert hat. Zuwanderung, Mobilität, demografischer Wandel und Säkularisierung spiegeln sich auch auf den Friedhöfen wider. Traditionelle Bestattungsformen werden immer öfter infrage gestellt und sogar bewusst abgelehnt.

Selbst der in Deutschland bislang unangetastete Friedhofszwang, wonach Tote nur auf Friedhöfen, in Friedwäldern oder im Meer bestattet werden dürfen, wackelt. So sind zum Beispiel seit dem 1. Januar 2015 in Bremen auch Bestattungen auf Privatgrundstücken erlaubt. "Die Folgen dieses Eingriffs in jahrhundertelang gültiges Bestattungsrecht sind kaum abzusehen", sagt Johann Böhm, der Vorsitzende des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege. Dieser Verein will die kulturelle Vielfalt und Eigenständigkeit Bayerns bewahren und weiterentwickeln, weshalb er den neuen Band seiner Schriftenreihe "Heimatpflege in Bayern" dem Wandel der Friedhofskultur gewidmet hat. 30 Autorinnen und Autoren unterschiedlicher Fachrichtungen erörtern darin, wie unsere Friedhöfe und Grabmäler entstanden sind, wie sie einst aussahen und heute aussehen und wie wir mit diesem kulturellen Erbe heute und künftig umgehen wollen. Ein Gusto-Stück der Publikation ist eine historische Fotoreise durch bayerische Friedhöfe von 1895 bis 1956.

Die grandiosen Bilder, die aus dem Fotoarchiv des Landesamts für Denkmalpflege stammen, rufen sofort die alten Eindrücke aus der Kindheit ins Gedächtnis, als die Friedhöfe noch sehr mystisch ausgesehen haben, bevor Glanzmarmorsteine die Grabfelder prägten. Der Band überzeugt durch seine thematische Breite. Man findet darin Beiträge über "fremde Friedhofskulturen in Bayern", über die frühneuzeitlichen Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus in Nürnberg sowie über den verwunschenen Friedhof St. Peter in Straubing, über KZ-Friedhöfe sowie über Grabstätten für Muslime in München. Ein Beitrag beleuchtet den Wandel der Trauerkultur aus der Sicht eines Bestatters. Ihm ist zu entnehmen, dass der Druck, etwa den Sargzwang abzuschaffen, zunimmt. Oft werde vergessen, dass Friedhöfe auch ein Kulturgut sind, Orte der Stille und Erholung, heißt es in dem Beitrag. Der Verzicht würde eine kulturelle Lücke hinterlassen. Nicht zuletzt spielt die Finanzierung der Friedhöfe eine immer größere Rolle. Aber, so bilanziert der Autor, der Erhalt des Kulturguts Friedhof muss uns mehr wert sein als eine erzwungene schwarze Null.

Heimatpflege in Bayern, Band 5: Friedhof und Grabmal. Geschichte, Gestaltung, Bedeutungswandel. Hrsg.: Bayerischer Landesverein für Heimatpflege 2015, 264 S., zahlreiche Abbildungen. 19,50 Euro.