Zeitmaschinen (15): NSU Ro80:Die Welt ist zwei Scheiben

Lesezeit: 4 min

Eigentlich sollte der Wankelmotor seit 1967 die gesamte Zukunft antreiben, aber wenige Jahre später hatte sein Hersteller keine mehr.

Martin Stubreiter

Man muss sich ein bisserl umgewöhnen, wenn man hinter das Lenkrad des NSU Ro80 rutscht, das beginnt schon beim Schalten: Es gibt kein Kupplungspedal, aber eine Kupplung. Sie wird elektrisch ausgelöst, sobald man den Schaltgriff am langen Hebel kippt, und wer ihn zu zart führt, hat eben unüberhörbar verloren.

Allzu viele Gelegenheiten zum Zahnradkrachen beim Schalten gibt's aber nicht, der Ro80 hatte zeitlebens nur drei Gänge. Es gibt aber auch einen Wandler. Der schluckt nicht nur einige der 115 PS, er glättet auch den Motorlauf, niemand ruckelt gerne in einer großen Limousine.

Und er verhindert subtil, dass man den Motor im ungesund niedrigen Drehzahlbereich dahinnudelt, also dort, wo beim Wankel das Drehmoment dürr wird und die frühen Motoren gerne verrußten.

Die eigentliche Gefahr aber liegt am anderen Ende des Drehzahlbandes: Der Wankelmotor wird beim Hochdrehen weder laut noch rau, er wechselt nur seine Tonlage, klingt dabei immer ein bisserl nach Zweitakter - in den späten 60ern nicht die feinste Assoziation, zumal das Geräusch einer abgelaufenen Zeit noch nachhallte.

Wer einst zum Drehkolbenmotor umstieg und nach Gehör schaltete, musste oft bemerken, dass der Motor erst im Schadensfall laut wurde, mitunter nicht einmal dann. Daher also der prominent platzierte Drehzahlmesser, der unterwegs Zahlen anzeigt, die man normalerweise nicht in einer Limousine der späten 60er abliest.

Bei 6500 U/min beginnt dennoch der rote Bereich, den der Motor aber freudig passiert, wenn man ihn lässt. Erst viele Garantiefälle später montierte NSU einen Warnton, sozusagen den akustischen Drehzahlbegrenzer.

Weitere Umgewöhnung: Beim Bergabfahren bremst der Motor kaum mit, auch hier eine zarte Parallele zum Zweitakter. Immerhin gibt's kaum interne Reibung, wenn sich lediglich eine Epitrochoide (ein Dreieck mit nach außen gewölbten Seiten) in einer Brennkammer (eine Ellipse mit eingeschnürter Taille) dreht, geschmeidiges Abrollen statt erzwungenen Stampfens also, man kann sich als Fahrer wunderbar auflösen im turbinenartigen Hochdrehen des vergleichsweise winzigen Motors, im geschmeidigen Dahinströmen am Horizont einer nie eingelösten Zukunft, da bleibt Zeit zum Meditieren über die Theorie des Wankelmotors.

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