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Zeitmaschinen (12) Mercedes W123:Neuer Hut

Mit einem Schlag hatten Ponton-, Heckflossen- und Strich-Acht-Mercedes einen würdigen Nachfolger: alte Tugenden, auf der Höhe einer neuen Zeit. In verschlanktem Sinn hält sie bis heute an.

In der Autorevue 2/1976 fuhr er als "der kleine Mercedes" vor, es gab eben keinen kleineren. Ein Vordringen in Segmente, die heute von A- oder B-Klasse bespielt werden, war undenkbar, da hätte Mercedes ja gleich Tretautos herstellen können.

Selbst der 190er war noch sechs Jahre entfernt, ein Mercedes war ein Urmeter seiner selbst (und aller -Taxis), Stimmgabel des Diesel-Sounds unserer Erinnerung, und zu den Tugenden des Vorgängers Strich-8 war noch die deutlich höhere Rostresistenz dazugekommen, so gut es gegen Ende der 70er eben ging.

Das Design schielte zur 1972 präsentierten S-Klasse, und es schielte mit zweierlei Augen. Die Topmodelle 280 und 280 E bekamen vom Fleck weg Breitbandscheinwerfer, während die leistbareren Modelle Rundscheinwerfer hinter Glas trugen und bald den zugehörigen Spitznamen: Ochsenauge. Mercedes' Reaktion kam mit dem Temperament eines 200 D, schon 1982 bekamen auch die günstigeren Modelle die Breitbandscheinwerfer.

Vier Zentimeter mehr Länge und ein Zentimeter Breitenzuwachs zeugten von intaktem Augenmaß, zumal ja auch im Vorgänger keine Platzprobleme zwickten: Noch heute erstaunt, wie aufrecht man im W123 selbst hinten sitzt, das Gestühl ist komfortabel auf eine Art, der Mercedes über mehrere Modellwechsel treu blieb: Die Sitzfläche ist straff, federt aber als Ganzes.

Für den Gesamtkomfort ist dann das Fahrwerk zuständig, und Mercedes hatte bei der neuen Doppelquerlenker-Vorderachse mit Lenkrollradius null auf McPherson-Federbeine verzichtet, weil getrennte Federn und Dämpfer einen Hauch komfortabler ansprechen.

Die Schlichtheit der Instrumentierung zeigt, wie die Welt vor der Erfindung des Firlefanz ausgesehen hat. Heizung und Lüftung lassen sich über drei Drehregler einjustieren, und wo man heute Bordcomputer, Navi und Drehzahlmesser erwartet, gibt's eine Uhr.

Die ist so groß, dass sie trotz mittelschwerer Fehlsichtigkeit abgelesen werden kann, immerhin war der typische Mercedeskäufer 1976 kein aufmüpfiger Jungspund, oft auch schon im Bonustrack seines Lebens.

Also dort, wo das Geld nimmer gezählt werden muss, beispielsweise beim Kreuzerlmachen in der Aufpreisliste. Die war einst lang, was vor allem daran lag, dass die Serienausstattung kurz war. Aber es fanden auch exotische Posten in die Aufpreisliste: Antiblockiersystem (1980), etwa, oder Airbags vorne (1982).

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