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Winterdienst:Gurkenwasser gegen Glätte

Winterdienst auf der Felbertauernstraße in Osttitrol

Für den Winterdienst auf der Felbertauernstraße gilt: „durchgehende Schwarzräumung“.

(Foto: Martin Lugger/Felbertauernstraße AG)

In diesem Winter haben die Räum- und Streukräfte auf den Straßen wenig zu tun. Doch Fachleute warnen: Wegen des Klimawandelns könnte sich das auch rasch wieder ändern.

Von Marco Völklein

Eine gute Vorratshaltung gehört bei Klaus Kollnig zum Job dazu. 500 Tonnen Streusalz sind stets auf Lager, etwa ein halbes Dutzend Fahrzeuge sind mit Schneepflug oder -fräse ausgestattet und können jederzeit ausrücken. Außerdem gibt es am Südportal des Felbertauerntunnels, direkt über der Einsatzzentrale der Schneeräumer, Schlaf- und Ruheräume für die Mannschaft. Denn wenn es hart auf hart kommt hier oben in den österreichischen Alpen, 1600 Meter über dem Meer, wenn es gar nicht mehr aufhört zu schneien, dann müssen Kollnig und seine Kollegen vom Winterdienst auch mal über mehrere Tage in der Einsatzzentrale verbringen und dafür sorgen, dass die Felbertauernstraße befahrbar bleibt. "Dann sieht einen die Familie unter Umständen mehrere Tage lang nicht", sagt der Betriebsleiter.

1967 wurde die gut 36 Kilometer lange Felbertauernstraße eröffnet, sie verbindet die Bundesländer Salzburg mit Osttirol. Auch viele Urlauber nutzen die Straße zur Fahrt gen Italien. Herzstück ist der fünf Kilometer lange Felbertauerntunnel, eine enge Röhre mit je einer Fahrspur pro Richtung. Damit möglichst nichts passiert im Tunnel gibt es drei Pannenbuchten, 130 Kameras übertragen Bilder aus der Röhre in die Einsatzzentrale. Und an der Tunneldecke sind etwas mehr als 9000 Düsen verbaut, die bei einem Brand über eine Hochdrucknebelanlage einen feinen Wasserfilm verteilen und so helfen sollen, das Feuer einzudämmen.

Damit bei Schneefall und winterlichen Temperaturen der Verkehr rollen kann, gilt für Kollnig und seine 50 Mitarbeiter die Vorgabe: "durchgehende Schwarzräumung". Das schwarze Asphaltband sollte also ständig zu sehen sein. Deshalb sind die Räumfahrzeuge bei Schneefall binnen weniger Minuten auf der Strecke; nähert sich die Temperaturanzeige dem Null-Grad-Punkt an, wird bereits vorbeugend ein Salz-Sole-Gemisch ausgebracht, um Reifbildung zu verhindern. Eine Lawinenkommission hebt bei Bedarf mit dem Helikopter ab und prüft aus der Luft, wo Gefahr droht. Notfalls lösen Sprengmeister einzelne Lawinenabgänge kontrolliert aus.

In diesem Winter allerdings haben die Räumkräfte an der Felbertauernstraße eher weniger zu tun. Zwar fiel bereits Ende November über Nacht eine größere Menge Schnee, seither aber mussten die Räumkräfte im Vergleich zu früheren Zeiten in dieser Saison kaum was wegschaffen. Das deckt sich mit den Erfahrungen in anderen Regionen: In Bayern zum Beispiel verzeichneten viele kommunale Räum- und Streudienste in diesem Jahr weniger Wintereinsätze als in den Jahren zuvor. Und auch der Verbrauch von Salz und Streusplit hält sich den Angaben zufolge in Grenzen.

Winterdienst auf der Felbertauernstraße in Osttitrol

Verschneite Landschaft: Blick auf das Südportal des Felbertauerntunnels.

(Foto: Martin Lugger/Felbertauernstraße AG)

Dennoch sind die Mitarbeiter auf den Straßen unterwegs: "Es fehlen zwar im Moment die Schneefälle, aber temperaturbedingt sind am Morgen immer wieder Glättekontrollen nötig", berichtet beispielsweise Augsburgs Umweltreferent Reiner Erben (Grüne). Und gerade bei Temperaturen um null Grad Celsius herum ist die Gefahr von überfrierender Nässe groß. Viele Straßen- und Autobahnmeistereien schicken dann die Streu-Lkws vorsorglich los und bringen salzhaltige Sole aus.

Fachleute warnen: Die Winter müssen nicht auf Dauer mild bleiben. Ganz im Gegenteil: Wegen des Klimawandels, sagt der Meteorologe Friedrich Föst vom Berliner Vorhersagedienst Wettermanufaktur, dürften Extremwetterereignisse zunehmen - und dazu zählten zum Beispiel überraschende Starkschneefälle oder auch anhaltend lange und besonders schneereiche Winterperioden wie im Januar 2019, wo Helfer von Feuerwehren und Technischem Hilfswerk in weiten Teilen Oberbayerns einen extrem pappigen Schnee von den Dächern schaufeln mussten. Föst sagt: "Solche Extremlagen werden zunehmen."

In Dingolfing in Niederbayern testet der Winterdienst daher neue Wege: Seit Januar stellt die Feinkostfirma Develey dem Bauhof überschüssiges Salzwasser aus der Gurkenproduktion zur Verfügung. Die Gurkensole vom Werk (Salzgehalt: fünf Prozent) wird mit zusätzlichem Salz versetzt, um den für den Winterdienst notwendigen Salzgehalt von 22 Prozent zu erreichen. Anschließend bringen die Straßenwärter die Sole auf die Straßen rund um Dingolfing aus. Bislang, so heißt es, habe sich der Praxistest bewährt - wenngleich der Bedarf angesichts der Temperaturen in diesem Winter gering war.

© SZ vom 22.02.2020
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