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Streit um Scheunenfund:Ente gut, gar nichts gut

30 Jahren lang stand ein 2CV (im Bild ein anderes Modell) in einer Scheune in Oberwolfach.

(Foto: Citroen)

In einem Holzschuppen im Schwarzwald finden Arbeiter einen fabrikneuen Citroën 2CV mit 15 Kilometern auf dem Tacho. Ein Glücksfall für die Gemeinde Oberwolfach. Bis sich die Schwester der ehemaligen Besitzerin meldet.

"Scheunenfund" ist ein Begriff, bei dem die Augen von Oldtimer-Fans sofort leuchten. Einmal die Tore eines verlassenen Bauernhofes öffnen und einen vergessenen Porsche Speedster finden. Oder einen VW Bulli Samba mit 23 Fenstern. Die Wahrheit aber ist: Das kommt nur äußerst selten vor. Die meisten Scheunenfunde entpuppen sich als reine Werbefloskel der großen Auktionshäuser. Es sind gehegte und gepflegte Oldtimer, deren Besitzer gestorben sind. Das Schlagwort "Scheunenfund" sorgt für mehr Aufmerksamkeit - und einen höheren Preis.

Ganz anders im Dezember 2017 in Oberwolfach, mitten im Schwarzwald. Die kleine Gemeinde südöstlich von Offenburg hat von der Ehefrau eines ehemaligen Bürgers nach seinem Tod mehrere Grundstücke gekauft. Auf einem davon steht das Haus seiner Eltern, das er als Feriendomizil nutzte. Die Arbeiter brauchen Tage, um das Gerümpel, darunter viele Zeitungsartikel und Autoteile, im Inneren herauszuschaffen. Nebenan ein Schuppen, dem sie zuerst nicht viel Aufmerksamkeit widmen. An dessen Außenwand stapelt sich Feuerholz bis unters Dach. Nachdem es abgetragen ist, die große Überraschung: Im Inneren steht ein Auto. Dick überzogen mit einer Schicht aus Staub und Dreck. Ein roter Citroën 2CV, besser bekannt unter seinem Spitznamen "Ente". Die Überraschung ist noch größer, als der Blick in den Innenraum fällt. Die Sitze sind mit Plastik überzogen, der Tachostand: 15 Kilometer.

Nach einer näheren Untersuchung zeigt sich: Es ist eine fabrikneue Ente. Die letzte Serie aus dem Jahr 1990, Modell "Club", mit 28 PS. Praktisch ohne Alterserscheinungen, nur an den Felgen findet sich ein wenig Rost. Denn auch unter dem Auto stapelte sich das Feuerholz, weswegen der Unterboden gut konserviert ist. Die Vermutung: Der verstorbene Besitzer des Gebäudes hat sich die Ente "auf Vorrat" gekauft, ist vom Autohaus bis zum Schuppen gefahren, hat den Citroën dort eingelagert - und nie wieder angerührt. Genau weiß das allerdings niemand, es gibt keine Papiere für den 2CV. Doch zumindest ein paar Indizien sprechen dafür: Der 2016 verstorbene Besitzer des Schuppens fuhr seit 1975 immer wieder Ente. Zuletzt einen heruntergekommen 2CV in Rot - Modell "Club".

"Ich finde, meiner Schwester gehört das Auto"

Für die Gemeinde Oberwolfach ein unerwarteter Glücksfall. Bürgermeister Matthias Bauernfeind entschließt sich kurz vor Weihnachten, den Citroën zu versteigern. Interessierte Bürger können schriftlich ein Gebot abgeben. Den Zuschlag erhält der Sohn des örtlichen Citroën-Händlers. Er zahlt 24 500 Euro für den 2CV im Neuzustand. Ente gut, alles gut. So könnte man zumindest meinen. Bis sich die Schwägerin des verstorbenen mutmaßlichen Besitzers meldet. Sie ist der Ansicht: "Ich finde, meiner Schwester gehört das Auto."

Bereits kurz vor der Versteigerung schreibt sie dem Bürgermeister von Oberwolfach. Ihre Schwester ist dazu nicht mehr in der Lage, sie leidet an Chorea Huntington, einer Krankheit, die grundlegende Bereiche des Gehirns zerstört. Sie kann seit Jahren nicht mehr sprechen, den Verkauf der Grundstücke samt Schuppen und Ente hat ihre gesetzlich bestimmte Betreuerin veranlasst. Doch die Gemeinde verweist darauf, dass der Holzschuppen ungeräumt samt Inhalt verkauft wurde. Weswegen beide Parteien jetzt, mehr als zwei Jahre später, vor Gericht stehen.

"Wenn wir Pech haben, kommt in zwei Jahren der Onkel Heinz aus Alaska zurück"

Im April 2018 übernahm sie die Betreuung ihrer Schwester, erst seitdem darf sie in ihrem Namen klagen. Für das Verhalten der Gemeinde Oberwolfach hat sie wenig Verständnis: "Sie finden ein Auto, sie wissen nicht, wie lange es da drin steht, sie wissen nicht, wem es gehört, und sie verkaufen es einfach weiter", sagt sie. Damit ist sie nicht die Einzige: Auch in einigen 2CV-Foren im Internet sorgte der Scheunenfund für Diskussionen. Doch für viele der Nutzer waren die Besitzverhältnisse nicht eindeutig genug geklärt, um ein Gebot für die rote Ente abzugeben.

Für Bürgermeister Matthias Bauernfeind stellt sich der Fall anders dar. Er zitiert aus dem Kaufvertrag: "Ich teile Ihnen mit, dass das Eigentum der im Holzlager befindlichen Gegenstände auf Sie mit übergegangen ist." Den Vorschlag des Landgerichts Offenburg, den Kaufpreis zu teilen, lehnte die Gemeinde im März ab. "Wenn ich etwas verkaufe, muss ich mir auch mal 15 Minuten Zeit nehmen, um nachzusehen, was ich da eigentlich verkaufe", wirft Bauernfeind ein. "Machen wir mal den anderen Fall auf: Wir haben dort kein Auto gefunden, sondern ein ausgelaufenes Fass mit Schweröl. Sanierungskosten 30 000 Euro. Da hätte die Gegenseite auch nicht gesagt, wir zahlen die Hälfte der Kosten." Zumal sich aufgrund der fehlenden Papiere niemand sicher sein kann, ob die Schwester der Klägerin beziehungsweise ihr verstorbener Mann überhaupt die Besitzer sind. "Wenn wir Pech haben, kommt in zwei Jahren der Onkel Heinz aus Alaska zurück, der dort seit 40 Jahren abgeschieden gelebt hat, und will sein Auto abholen", scherzt er. Wenngleich er das offensichtlich gar nicht lustig findet.

Genausowenig wie der jetzige Besitzer, dessen Ente mehr als zwei Jahre nach dem Verkauf wieder durch die Lokalpresse geistert. Selbst der SWR berichtete in der "Landesschau". Auf Nachfrage heißt es im Autohaus seines Vaters nur: "Der will des alles net", dann wird das Gespräch abrupt beendet. Auf den Kontaktversuch per Facebook antwortet er erst gar nicht. Im Juli 2018 berichtete er noch in der Welt stolz von seiner neuen Ente, die Kurvenlage sei brutal. Viel fahren wolle er den 2CV aber nicht, er "habe das Auto als Wertanlage gekauft". Was heißt, dass der Citroën, der im Juli offiziell ein Oldtimer wird, auch in Zukunft vor allem wieder in der Garage stehen dürfte. Was mit den 24 500 Euro passiert, die er für die knallrote Ente gezahlt hat, entscheidet sich voraussichtlich am 13. Mai. Dann will Richter Werner Kadel am Landgericht Offenburg sein Urteil verkünden. Im März hatte er die erste Sitzung mit den Worten eröffnet: "Wir verhandeln heute über Glück." Aber des einen Glück ist ja bekanntlich des anderen Leid.

© SZ.de/edi

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Von Felix Reek

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