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Straßenverkehr:Warum zeigt sich dieses mangelnde Einfühlungsvermögen gerade im Straßenverkehr?

Im evolutionären Sinne sind das Selbstschutzmechanismen. Ich fahre meine Aktivierung hoch und der Organismus schaltet auf Flucht oder Verteidigung. Im Prinzip wie früher der Neandertaler. Das hat den blöden Nebeneffekt, dass das Gehirn nicht mehr ganzheitlich denken kann - da geht das ein oder andere verloren. Wir schalten in Stresssituationen unser Gehirn auf serielle Verarbeitung.

Es läuft also ein automatisches Programm ab, wir sind nicht mehr in der Lage, alle Informationen gleichzeitig zu verarbeiten?

Genau. Es werden auch Stereotype im Gehirn aktiviert, die mit den Merkmalen des Fahrzeugs zusammenhängen. Der Schleicher. Der Mann mit Hut auf der Ablage. Der sorglose Freak in seinem Hippie-Bus. Die führen dazu, dass wir leichter eine absichtliche Provokation sehen als zu sagen: Der hat sich vielleicht einfach nur vertan und das nicht mit Absicht gemacht.

Inwieweit spielt der zunehmende Verkehr eine Rolle? In der Stadt konkurrieren Fahrräder, Autos, E-Scooter und Fußgänger um immer weniger Platz.

Da gibt es schon einen Zusammenhang. Aggressives Verhalten wird vor allem durch Frustration, Wut oder Verärgerung angetrieben. Und diese Emotionen hängen von bestimmten Situationen ab. Die Verkehrsdichte, Überlastung der Straßen, Staus, Behinderungen, mit denen man nicht rechnet. Das trägt dazu bei, dass wir uns schneller ärgern. Studien zeigen, dass das Empfinden von Ärger dann besonders hoch ist, wenn es eine Differenz zwischen eigener Wunschgeschwindigkeit und tatsächlich fahrbarer Geschwindigkeit gibt. Oder wenn Fahrzeuge vor mir nicht ausweichen. Andere Verkehrsteilnehmer hinter mir drängeln. Daraus resultiert das aggressive Verhalten, dass ich mich über Regeln hinwegsetze und ein "Revanche-Foul" im Straßenverkehr begehe.

Was kann ich tun, wenn ich merke, dass ich jetzt aggressiv bin?

Da hilft nur den nächsten Parkplatz suchen, durchschnaufen, Pause machen, einfach die Fahrt unterbrechen und sich bewusst zurückzusetzen. Das sind die einzigen Tipps, die funktionieren.

Was müsste geschehen, um den Umgang im Straßenverkehr wieder friedlicher zu gestalten?

Das ist eine Mammutaufgabe. Da hängt das ganze Verkehrssystem dran. Und es ist eine verkehrspolitische Entscheidung. Das ließe sich zum Beispiel über die Geschwindigkeit regeln.

Sie meinen zum Beispiel ein Tempolimit auf Autobahnen?

Die wissenschaftlichen Fakten sind glasklar und nicht erst seit gestern bekannt: Jeder dritte Unfall weltweit hat mit Geschwindigkeit zu tun. Rund drei Viertel aller Eintragungen im Fahreignungsregister, das frühere Punktekonto in Flensburg, sind die Folge überhöhter Geschwindigkeit, Verletzung des Mindestabstands und von Rotlichtverstößen. Nähmen sich die Deutschen da ein wenig zurück, wäre viel für die Verkehrssicherheit und gegen die Aggressivität auf der Straße getan.

© SZ.de/dd
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