Rolls-Royce 102EX:Geben Sie Strom, James!

Luxusflüsterer: Der Rolls-Royce 102EX macht im Fond genauso viel Spaß wie auf dem Fahrersitz. Schade eigentlich, dass die Briten eine Serienfertigung des einzigartigen Elektro-Kreuzers kategorisch ausschließen. Wir sind den E-Rolls zumindest einmal gefahren.

Sebastian Viehmann

Werner Zagler macht sich keine Illusionen: "Der durchschnittliche Rolls-Royce-Kunde interessiert sich nicht so sehr für Technik", sagt der Entwickler. Zwar sind die Zeiten vorbei, als die PS-Leistung eines Rolls nur mit "ausreichend" angegeben wurde, doch Mylord und Mylady sind immer noch eher auf die Farbe des Leders oder die Maserung des Wurzelholzes neugierig als auf Motor und Getriebe. Dass im Maschinenraum genügend Kohlen für standesgemäßen Vortrieb parat stehen, ist für den Kunden ebenso selbstverständlich wie das reichliche Vorhandensein derselben auf dem eigenen Konto.

So bleibt genügend Muße, das kastanienbraune Corinova-Leder zu ertasten und sich über die metallisch schimmernden Knöpfe zu freuen. Den Antrieb erlebt man eher nebenbei. Wenn man den Wahlhebel am Lenkrad auf D zieht, setzt sich der Wagen aus völliger Stille heraus in Bewegung.

Die Fahrt verläuft wie in Watte gepackt. Wenn man ein elektrisches Surren vernehmen möchte, muss man schon die Lüftung ausstellen und auf einer leeren Straße ohne Verkehrslärm aus dem Stand heraus Vollgas geben. Der Rolls schiebt sich in knapp acht Sekunden von 0 auf 100 Km/h. Im normalen Verkehrsgeschehen dringt nicht das kleinste bisschen Elektro-Sound durch die doppelverglasten Scheiben. Selbst beim Maximaltempo von 160 km/h bleibt der Wagen so stoisch ruhig und gefasst wie ein britischer Butler mit 50 Jahren Berufserfahrung.

Beim Gaswegnehmen und Bremsen gewinnt der Rolls Batterieenergie zurück. Mit einem Knopfdruck am Lenkrad kann man diese Rekuperation verstärken. Der Akku hat eine Kapazität von 71 kWh, das ist mehr als dreimal soviel wie bei den meisten gängigen Elektroautos. "Wir nutzen davon aber nur 56 kWh", sagt Rolls-Royce-Entwickler Stephan C. Schmidt. "Eine Vollladung bis in die letzte Spitze würde zuviel Energie benötigen, eine Tiefentladung wiederum könnte den Akku beschädigen", erklärt der Diplom-Physiker.

Bei einem Batteriestand von 30 Prozent schaltet das System daher in einen reduzierten Modus, bei 20 Prozent fährt der Wagen nicht mehr weiter. Die Reichweite in der Praxis beträgt knapp 190 Kilometer. Geladen wird per Stecker, doch auch eine kabellose Induktionsladung ist möglich: Man rollt auf dem Ladeplatz so weit vor, bis eine Lampe in der Mittelkonsole aufleuchtet. Der Tank-, das heißt: der Ladevorgang geschieht dann vollautomatisch. Der Chauffeur muss nicht einmal die weißen Handschuhe ausziehen.

230 Kunden der Nobelmarke haben das elektrifizierte Einzelstück 102EX bereits auf dem ganzen Globus Probe gefahren - in Peking, Singapur, Paris oder Genf. Allein deren Urteil ist für die Briten maßgeblich, ob ein Stromer mit der "Spirit of Ecstasy" auf der Haube überhaupt denkbar ist.

Bislang gab es einen potenziellen Käufer

"Das Antriebskonzept für zukünftige Modelle muss ein authentisches Rolls-Royce Erlebnis bieten. Es muss eine Technologie sein, die sowohl aus Sicht unserer Kunden wie auch der Marke fundiert ist und uns für die langfristige Zukunft richtig aufstellt", betont Rolls-Royce-Chef Torsten Müller-Ötvös - und schließt eine Serienfertigung des 102EX kategorisch aus. Bis zum ersten Stromer der Briten, falls es jemals einen geben wird, dürfte es also noch viele Jahre dauern.

Die berühmte Kühlerfigur "Spirit of Ecstasy" leuchtet beim 102EX übrigens in einem zarten Blauton. Das und die kleine Ladeklappe an der rechten C-Säule sind äußerlich die einzigen Anzeichen für den ungewöhnlichen Antrieb des 5,8 Meter langen Luxuskreuzers, dessen vollständiger Titel "Phantom Experimental Electric" lautet.

Der Wagen hat zwei Elektromotoren, die über ein gemeinsames Getriebe die Hinterachse antreiben und insgesamt 290 kW (394 PS) sowie 800 Nm Drehmoment bereitstellen. Der 102EX hat also mehr Power als ein normaler Phantom mit 460 PS starkem V12-Motor.

Die Kraft braucht das batteriebetriebene Schlachtschiff aber auch, denn der gewaltige Kraftspender aus 96 Nickel-Kobalt-Mangan-Zellen - eine spezielle Form der Lithium-Ionen-Zelle mit besonders hoher Leistungsdichte - wiegt fast so viel wie ein Kleinwagen. Das 640 Kilo schwere Akkupaket liegt tief unter der Fronthaube, gekrönt von drei kastenförmigen Ladegeräten. Insgesamt bringt der Rolls 2,7 Tonnen auf die Waage.

Der Elektro-Rolls ist eine reine Eigenentwicklung, auch wenn der Mutterkonzern BMW in Sachen Elektromobilität gerade groß auffährt. Es habe lediglich einen "lockeren Austausch über Bürogrenzen hinweg" gegeben, sagt Stephan C. Schmidt. Der Kontakt zu den BMW-Entwicklern dürfte enger werden, falls die britische Nobelmarke irgendwann die Serienfertigung von Stromern ins Kalkül zieht.

Die Kunden bei den Testfahrten seien, so berichten es die Entwickler, immerhin angenehm überrascht über das Fahrgefühl gewesen. Potenzielle Käufer soll es bisher aber noch nicht gegeben haben. Bis auf einen: Der hätte den 102EX gern als exotisches Stück für seine Autosammlung erworben.

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