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Motorsportgeschichte:Ständige Fahrt am Limit

Ich lernte, diese Leistungen einzuschätzen. Hier ist so ein Lehrstück. Streckenteil "Hohe Acht", es mag Anfang der Siebzigerjahre gewesen sein: Im Spiegel taucht Niki Lauda auf. Ich mache vor "Eschbach" artig Platz. Er schießt vorbei, und dann werde ich - sozusagen im ersten Rang sitzend - Zeuge einer schier irrwitzigen Fahrzeugbeherrschung. Das BMW-Alpina-Coupé tanzt förmlich auf der Strecke! Und zwar ständig quer - solange er in meinem Sichtfeld bleibt. Ein Logenplatz der ganz besonderen Art.

Noch so ein Fall. 1000-Kilometer-Rennen 1981: Manfred Winkelhock ist auf einer schnellen Runde im Abschlusstraining. Hinter dem "Pflanzgarten" überholt er. Kurz danach folgt ein Zehn-Meter-Sprung! Ich sehe seinen Turbo-Capri mit allen Rädern hoch in der Luft, dann quer aufsetzen und schlingernd in Richtung "Schwalbenschwanz" driften. Später spreche ich ihn im Fahrerlager an: "Mannomann. Da warst du aber fast am Rausfliegen." Winkelhock erstaunt: "Wo denn?" Ich schilderte mein Seh-Erlebnis. Darauf er: "Du, das war völlig normal. Das ging die ganze Runde so."

Ebenso attraktiv wie der Grand-Prix der Formel 1

Warum waren diese 1000-Kilometer-Rennen etwas so Besonderes? Weil das Rennen "ein gewisses Etwas" besaß. Weil die Nürburgring-Nordschleife so lang, so schwierig und so gefährlich ist wie keine andere Piste. Ihr Achterbahn-Charakter stellte für jeden Piloten eine Herausforderung dar, der sich alle gern stellten. Trotz der vielen Todesstürze über die dreißig Jahre, die es in den Rennen gab.

Gewöhnlich lockte das Spektakel 150 000 bis 200 000 Zuschauer an. Damit waren die 1000 Kilometer für Sportwagen ebenso attraktiv wie der Grand-Prix der Formel 1. Das hatte Gründe. Zunächst fuhren viel mehr Teilnehmer - 60, 70, 80 Rennsportwagen und Prototypen. Das Rennen dauerte sechs Stunden, Fahrerwechsel waren Pflicht, und die Felder ungeheuer bunt gemixt. Ferrari, Alfa Romeo, Aston Martin, Matra, Maserati, Jaguar, Ford GT 40 und sämtliche Porsche-Typen waren dabei: 356, 908, 910, 917, 935, 936, 956. Und selbst die Winzlinge von Abarth, Lotus und Rudel diverser Tourenwagen - sofern sie sich qualifizieren konnten. Zwölfzylinder, Achtzylinder, Sechszylinder, dumpf röhrende Turbos und hochdrehende Saugmotoren - ein Divertimento unterschiedlichster Sounds hallte jeweils tagelang durch die Eifelwälder.

Selbst der amtierende Formel-1-Champion war am Start

Und kein Fahrer der Weltelite fehlte, auch nicht die Formel-1-Piloten. Es ist bezeichnend, dass selbst beim letzten 1000-Kilometer-Rennen 1983 mit Keke Rosberg der amtierende Formel-1-Champion dabei war. Und so war es auch schon in den Jahren zuvor. Die Liste der Piloten liest sich wie ein Lexikon der Stars: Fangio, Ascari, Farina, Taruffi, Moss, Hawthorn, Brabham, Phil Hill, Graham Hill, Clark, Surtees, Rindt, Lauda, Bandini. Natürlich auch Jacky Ickx, Ronnie Peterson, Vic Elford, Jo Siffert und, und, und. Die deutschen Asse wie Graf Trips, Stuck, Mass, Hermann, Mitter, Stommelen, Röhrl, Ahrens, Ludwig, Heyer sowieso. Keinen störte, dass es rund um die Nürburg kaum Hotels gab, man meistens privat in einem der Dörfer übernachtete und nicht selten bis zum Morgengrauen feierte. Der asketische Professionalismus der heutigen Fahrergeneration war den Heroen von einst noch fremd. Und so mancher Pilot sank nach durchzechter Nacht erst früh morgens ins Bett, als die ersten Zuschauer am Renntag schon ihre Plätze bezogen.

Die 1000-Kilometer-Rennen sind oft beschrieben worden. Aber nie so gebündelt, so korrekt, so akribisch mit allen Ergebnissen, Ausfällen, Trainingszeiten, Teilnehmerlisten wie in diesem Buch. Solch einen XXL-Band können nur wahre Enthusiasten bewältigen. Und das sind die Autoren Jan Hettler aus München und Udo Klinkel aus Landshut. Sie haben sich fast zehn Jahre lang dieser Mammutaufgabe verschrieben und eine begeisternde Monografie geschaffen, eine Instanz in Buchform. Dieses Werk wird für Fans und Historiker seinen Rang behalten. Als Nachschlagewerk für Autosammler in aller Welt und als Rarität für Bibliophile mit Benzin im Blut.

1000 Kilometer Nürburgring

Von Jan Hettler und Udo Klinkel

744 Seiten, gebundene Ausgabe

Erschienen bei Delius Klasing

ISBN 978-3667103109

198 Euro

© SZ vom 30.01.2016/harl
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